Ordnung und Chaos
Unsere Anthologie «Choreographies of 21st Century Wars» erschien 2016 im Gefolge des Irakkrieges. Mit den verheerenden Angriffen Russlands auf die Ukraine, einen souveränen Staat, steht gegenwärtig abermals ein Krieg im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Während Woche um Woche Bilder von Tod und Zerstörung um die Welt gehen, erfordert dieser jüngste Konflikt eine Neubewertung der Kriege des 21. Jahrhunderts – nicht zuletzt auch in ihrem Verhältnis zum Gegenstand der Choreografie.
Als Bürger von New York City sind wir vermeintlich weit von den anhaltenden Kämpfen und der größten Flüchtlingskrise seit den Balkankriegen der 1990er-Jahre entfernt. Daher haben wir uns gefragt, ob es nicht unseriös sei, wenn wir uns aus der sicheren Distanz, und dann auch noch unter dem Gesichtspunkt des Tanzes, zur akuten Not der betroffenen Menschen äußern. Dass wir uns dennoch zu diesem Beitrag entschlossen haben, liegt in unserer ungebrochenen Überzeugung begründet, dass die Betrachtung von Kriegen unter dem Gesichtspunkt der Choreografie wesentlich ist, da sie den Fokus von den Abstraktionen politischer und militärischer Theorie hin zu körperlichem Handeln verschiebt. Will man umgekehrt das Thema ...
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Tanz Oktober 2022
Rubrik: Ideen, Seite 50
von Gay Morris und Jens Richard Giersdorf
Alles kann zum Mythos werden, sagt Roland Barthes. In Angelin Preljocajs neuem Opus «Mythologies», das von Zeus und Ikarus bis Aphrodite und Minotaurus ein (nicht immer) hellenisches Feuerwerk abbrennt, ist der Philosoph die Brücke zur heutigen Welt. Preljocaj bezieht sich auf Barthes’ Essaysammlung «Mythen des Alltags», die ihm ein exzellentes choreografisches...
David Orlowsky, man kennt Sie als Konzert-Klarinettisten. Ein halbes Leben lang sind Sie mit Ihrem Trio durch die Lande getourt und haben sich für die Klezmer-Musik stark gemacht. Ihr jüngstes Album, eingespielt mit dem Lautenisten David Bergmüller, nennt sich «Alter Ego». Begleitend finden sich dazu auf You-Tube drei Tanz-Videos. Ihre erste Begegnung mit dem Tanz?...
Der Krieg ist zurück im Alltag, nur ein paar hundert Kilometer im Osten. Der Krieg ist aber auch zurück im Denken und in der Kunst. Wer Anfang der Neunziger in Europa anfing, Kunst zu machen, musste sich auseinandersetzen mit der Tatsache, dass das nahgelegene Jugoslawien plötzlich in irrationaler Gewalt versank, und wer eine Generation später erste Schritte in die...
