Ophelias Talente
Keine Zeugen. Bei William Shakespeare stirbt der dänische König unbegleitet. Königssohn Hamlet ist ja nicht da, der ist zum Studium in Wittenberg, und erst nach seiner Rückkehr muss er erfahren, dass der Vater tot ist und Mutter Gertrude mittlerweile seinen eigenen Onkel Claudius geheiratet hat. Dass es sich hier um einen Mord handelt, weiß Hamlet nur, weil der Vater als Geist zurückkehrt. Der Held wird hier zum verwirrten Jugendlichen, der im Wortsinne Gespenster sieht und dessen Suche nach der Wahrheit auch ein immer tieferes Einspinnen in ein Wahngebilde ist.
Was bei dieser im Sprechtheater häufig hinzugezogenen figurenpsychologischen Interpretation unter den Tisch fällt: Hamlet mag außer Landes sein, aber natürlich gibt es Figuren, die mitbekommen, was abgeht. Ophelia zum Beispiel. Die Freundin des Titelhelden steht bei Shakespeare ein bisschen am Rand und wird dann auch recht leidenschaftslos per Tod durch Ertrinken entsorgt (was beispielsweise Florentina Holzinger in «Ophelia’s Got Talent» problematisierte, tanz 11/22). Bryan Arias’ «Hamlet»-Kreation fürs Ballet de l’Opéra national du Rhin aber rückt sie in den Mittelpunkt. Ophelia (Susie Buisson, alternierend mit Lara ...
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Tanz April 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Falk Schreiber
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