Marguerite Donlon: «Le sacre du printemps»
Es gibt nur eine Choreografie in der Tanzgeschichte, mit der man immer wieder Geschichte schreiben kann: «Le sacre du printemps», das berühmte Frühlingsopfer. Igor Strawinsky komponierte es in Lausanne, wo Ballets-Russes-Chef Serge Diaghilev sich 1915 mit dem Choreografen Léonide Massine direkt am See in die Villa Belle Rive einmietete. Man sprach über Kubismus, den Weltkrieg, die Negerplastik. Es ging um den ganzen «Hottentotismus» von der Archaik des Schlachtfelds bis zum Exotismus aus den Kolonien. Opfer auf allen Seiten. So entstand «Sacre».
Das Opfer war halb archaisch gemeint, halb als Opfer fürs Vaterland.
In allen Sprachen außer der deutschen gibt es einen Unterschied zwischen «victim» und «sacrifice», dem passiven Unglücksopfer und einer aktiv sich selbst Opfernden. Aoi Nakamura heißt sie in Saarbrücken. Sie tanzt: die völlige Bejahung der Hingabe.
Zum permanenten Ostinato des von Jonathan McPhee abgespeckten Strawinsky-Feuerwerks packt die Gruppe das nackte Entsetzen. Das Opfer entsteht aus restloser Hingabe. Aus Hingabe wird heilige Gewalt. Im letzten Akkord springen die Frauen entsetzt beiseite, die Männer kasteien sich. Die in Leipzig und Berlin ausgebildete Aoi ...
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