Lordsiegelbewahrer

Sir Peter Wright ist eine choreografische Instanz. Zum hundertsten Geburtstag gratuliert Hartmut Regitz

Tanz - Logo

Größenwahn ist ihm unbekannt. Für gewöhnlich stellt Sir Peter sein Licht eher unter den Scheffel. Aber wenn er am 25. November seinen hundertsten Geburtstag feiert, kann er ohne Übertreibung von sich sagen: Jetzt bin ich ein echter Jahrhundert-Choreograf.

Gewürdigt wurde er ja zuvor schon immer mal wieder. Queen Elizabeth II., Gott hab sie selig, hat ihn 1993 noch zum Ritter geschlagen. Da war Sir Peter schon längst als Commander Mitglied im Order of the British Empire.

Ehrendoktor der University of Birmingham war er sowieso – und ganz besonders stolz darauf, dass ihn das Birmingham Royal Ballet nach seiner Verabschiedung aus allen Leitungsfunktionen zum Director Laureate ernannte: eine Auszeichnung der einmaligen Art.

An der Wiege ist ihm das alles vermutlich nicht gesungen worden. Und wenn, wurde es nicht von seinem Vater gehört. Der war ein Buchhalter, dazu noch ein Quäker und so streng religiös, dass er dem Sohn glatt das Tanzen verboten hat, als der nach einer Vorstellung von «Les Sylphides» des International Ballet einen entsprechenden Berufswunsch äußerte. Doch Peter ließ sich von seiner Zielsetzung nicht abbringen, schmiss mit 16 die Schule und haute einfach von zu Hause ab. Mitten im Krieg bot ihm Kurt Jooss in Dartington Hall Unterschlupf – nicht als Tänzer, sondern als ein Mann fürs Grobe, wie er einmal nicht ohne Selbstironie bemerkt hat: «Ich half anfangs hinter der Bühne aus, merkte aber bald, dass eigentlich darauf der Ort war, wo ich hingehörte, und nahm von da an Ballettunterricht.»

Kommunikation ist Trumpf
Dass aus ihm kein Star wurde, lag nicht an Kurt Jooss, Vera Volkova oder Peggy van Praagh. Namhaftere Lehrmeister*innen kann man sich schwer vorstellen. Nein, Peter Wright war einfach zu alt, um noch herausragende Qualitäten entwickeln zu können. Aber er machte durchaus Karriere, tanzte an einigen Compagnien, hatte genug Glamour, um auch in Musicals Erfolge zu feiern – obwohl er, wie er einmal lachend erzählt hat, «eigentlich nicht so toll im Singen war». Zeitweilig arbeitete Wright als Model, um Geld dazu zu verdienen. Er hatte einfach ein gutes Gesicht, meinte Ninette de Valois, die legendäre Gründungsdirektorin des Sadler’s Wells Ballet, dem heutigen Royal Ballet.

Alles Erfahrungen, die ihm seiner Meinung nach später dabei geholfen haben, ein guter Direktor zu sein. «Jooss machte mir immer wieder bewusst, wie wichtig die Kommunikation mit dem Publikum ist.» «Tanz», so erinnert er sich an seinen Entdecker, «wäre kein Selbstzweck, sondern verlange nach Begründung.» Und zwar auch dann, wenn er in den Augen der Zuschauer abstrakt erscheint.

Daran hat sich Peter Wright gehalten, als er in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts im Rahmen einer Workshop-Reihe des Londoner Mercury Theatre die ersten Schritte stellte. Zunächst waren das eher kleinere Sachen, eine «Picolezza» beispielsweise zur Ouvertüre der Oper «Il segreto di Susanna» von Ermanno Wolf-Ferrari oder ein Pas de deux unter dem Titel «Under the Clock». Erst als ihn John Field bat, eine richtig professionelle Kreation für das zur Touring Company aufgewertete Sadler’s Wells Theatre Ballet zu stemmen, nahm er das Choreografieren wirklich ernst. Bis dahin hatte es ihn, wie er einmal gestand, «eher kalt gelassen». Er sah sich eigentlich als Ballettmeister, als Pädagoge. «Doch jetzt musste ich auf einmal die Regeln lernen, um sie später wieder brechen zu können.» Nicht untypisch sein Nachsatz in diesem Zusammenhang: «Leider kennt nicht jeder Choreograf die Regeln.»

Gefordert und gefördert von John Cranko
Peter Wright jedenfalls kannte sie. «A Blue Rose», eine Adaption von Arthur Schnitzlers «Reigen», wurde 1957 ein voller Erfolg. Und auch die anderen Werke, die dem Ballett folgten, konnten sich durchaus sehen lassen. Mag sein, dass das für John Cranko mit ein Grund gewesen ist, ihn 1960 als Ballettmeister an die Württembergischen Staatstheater abzuwerben. Obwohl Wright Deutschland durch eine Tour mit den Ballets Jooss noch in Erinnerung hatte, ahnte er nicht einmal ansatzweise, was ihn in Stuttgart erwarten würde. In «Wrights & Wrongs: My Life in Dance» hat er sich 2016 (in Zusammenarbeit mit Paul Arrowsmith) die gemeinsamen Aufbaujahre noch einmal in Erinnerung gerufen und dabei nichts beschönigt: eine schwierige Zeit, wie er im Nachgang meint. «Cranko war schwierig. Das Theater war schwierig. Ich war schwierig.»

Aber zugleich auch eine unglaublich kreative Ära des Stuttgarter Balletts, und das nicht nur im Falle Cranko. «Er hatte die Größe, andere neben sich zu dulden», so Sir Peter in einem Interview, «und schuf eine Atmosphäre des Vertrauens. So schwierig er manchmal im Umgang war, so unberechenbar, ermutigte er einen doch Dinge zu tun, die man eigentlich nicht tun wollte. Und hat auf diese Weise mein Leben verändert.»

Wright spielt mit der Bemerkung auf seine international erfolgreichste Arbeit an, auf seine «Giselle». Sie stellt seine zuvor erarbeiteten Ballette in den Schatten, und das möglicherweise zu Unrecht: sein «Nachtpfauenauge» aus dem Jahr 1962 hat Horst Koegler seinerzeit «einige Momente albtraumhafter Poesie» attestiert, während sein «Quintett» wenig später vom selben Kritiker als «Tongue in cheek» gefeiert wurde, als «Schmunzelballett von ausgelassener Kurzweiligkeit». «The Mirror Walkers» entstand noch im Umfeld von Crankos «Onegin». Aber schon als ganz und gar eigen empfanden viele die «Entwürfe für Tänzer», choreografiert 1964 ausgerechnet zu einer so komplexen Komposition wie die «Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta» von Béla Bartók.

«Nussknacker» – einfach unverzichtbar
Es hätte so weitergehen können. Doch Cranko fand, bereits mit «Onegin» beschäftigt, dass die Stuttgarter eine «Giselle» bräuchten, und drängte seinen Ballettmeister dazu, sich einmal intensiver mit deren Schicksal auseinanderzusetzen. Das tat Peter Wright denn auch zunächst eher widerwillig, betrieb intensive Grundlagenforschung und machte sich die Beweggründe, die Dramaturgie und Charakterfacetten der tradierten Geschichte mit der Zeit so zu eigen, dass selbst ein so erfahrener Ballettbeobachter wie Klaus Geitel am Ende seine Augen rieb und glaubte, einer Uraufführung beizuwohnen: so frisch, dramaturgisch durchdacht und motiviert erschien nicht nur ihm 1966 auf einmal die scheinbar so verbrauchte Überlieferung.

Kein Wunder, dass die «Modellinszenierung» ihre Runde machte und, vielfach einstudiert, überarbeitet und oft auch neu ausgestattet, Peter Wright als einen vielfach geforderten Erneuerer des Ballettrepertoires etablierte. Dass ihm ein Jahr später am selben Ort die Rehabilitation von «Namouna» (zur Musik von Édouard Lalo) nicht im selben Maße glückte, wurde seinerzeit eher dem Sujet angelastet und war seinem Ruf als Lordsiegelbewahrer der Tanztradition keineswegs abträglich. Ganz im Gegenteil. Zurück in England, etablierte sich Sir Peter nicht bloß als Ballettproduzent der BBC. Als Stellvertretender Direktor des Royal Ballet und später als Künstlerischer Chef des Birmingham Royal Ballet machte er sich auch weiterhin für die Erneuerung des klassischen Ballettrepertoires stark.

Seit über vierzig Jahren ist in Birmingham und in London die Weihnachtszeit ohne den «Nussknacker» von Peter Wright undenkbar. Das ist auch 2026 nicht anders. Zur Feier seines Geburtstags steht er weltweit als Übertragung aus dem Royal Opera House auch auf dem Kinoprogramm – wenn auch etwas verspätet am 1. Dezember, dafür aber, so hoffen wir, in Anwesenheit des allseits geachteten, ganz und gar ritterlichen Jahrhundert-Choreografen.


Tanz November 2026
Rubrik: Traditionen, Seite 60
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
Marcos Morau «Nachtträume»

Der Traum könne zu «einem politischen Röntgenbild» werden, sagt Marcos Morau in einem Programmheft-Interview zu seinem Stück «Nachtträume». So wie das Hessische Staatsballett die 2022 in Zürich uraufgeführte Choreografie des Spaniers zeigt, kommt einem der Traum eher wie eine gesellschaftliche Aura-Fotografie vor: Nicht das feste Knochengerüst der Zivilisation ist hier zu sehen, sondern...

Tanzschulen 11/26

Deutschland

BAMBERG
TANZWERKSTATT Stätte für Zeitgenössischen Tanz. Nürnberger Straße 108 k, D-96050 Bamberg Tel. +49-951-246 03, 
www.tanzwerkstattbamberg.de

BERLIN
INTERNATIONAL DANCE ACADEMY BERLIN
Anerkannte Bühnentanzausbildung (BAfÖG) 3 Jahre für klassischen und modernen Tanz, offene Profi-Klassen Rheinstraße 45-46, D-12161 Berlin, Tel. +49-30-873 88 18 www.international-dance-acade...

Highlights 11/26

Paris
MILLEPIED UND DAS CABARET
Smarte Idee: Benjamin Millepied, Ex-Ballettdirektor der Pariser Oper, choreografiert gleich drei Titel in den legendären Folies Bergère. «Barbara, du bout des lèvres» übersetzt die Chansons der ikonischen Sängerin in reine Tanz-Poesie. «Summerland» (siehe S. 54) lässt die Tänzer*innen zu Klängen von November Ultra (Foto: mittig) durch ein von James Turrell...