Lillian Stillwell «Die Schwäne»
Diese Odette raucht, trinkt Rotwein und trägt ihre Schreibmaschine mit sich. Eine berauschte, reflektierende und selbstbewusste Frau ist sie. Eine Seelenverwandte Ingeborg Bachmanns. In ihrer Version von Tschaikowskys Ballett-Klassiker macht Lillian Stillwell aus dem stimmlosen verzauberten Schwanenmädchen eine echte Protagonistin, aus dem Märchenwesen eine menschliche Figur voller Emotionen, die ihre Spitzenschuhe auch mal wütend auf den Boden wirft. Und deren Körper immer mal wieder zuckt und ruckelt, als müsse er sich wehren gegen allzu viel Druck von außen und von innen.
Melina Solkidou tanzt diese Odette im roten Kleid so kraftvoll wie verletzlich, so hadernd wie fröhlich-frei. Im Duett mit Siegfried ist sie gleichberechtigte Partnerin, hält ihn auch mal unter sich am Boden. Kokett wirft sie sich in seinen Arm, nur um ihn dann auf ihrem Rücken abrollen zu lassen. Lauter spielerische Momente zwischen Liebeslust und Lebensleid hat die Tanzdirektorin am Theater Münster in ihrer Choreografie entwickelt. Und Siegfrieds gibt’s gleich in mehreren Exemplaren. Wie in Bachmanns Erzählung «Undine geht» (da heißt er «Hans») steht der Name hier für alle Männer. Odette liebt sie, und Odette verachtet sie.
Auf der Bühne von Ben Baur ragt im Hintergrund eine romantische Wandzeichnung des Waldes auf – blattlose Bäume und zarter Vollmond auf düsterem Grau. Geht’s ins Häusliche, hängen riesige Fensterrahmen von der Decke, und das Ensemble betanzt Tische und Stühle. Szenerien für Stationen eines Lebens, die Odette durchschreitet. Es sind eher Erinnerungsfetzen im Glühbirnen-Schein als stringente Handlungsabläufe. Wir sehen die Schwäne in angekletteten Tutus (Kostüme: Uta Meenen), die fauchend und schnatternd ihre Gruppenzugehörigkeit zelebrieren. Von perfekter Gleichförmigkeit bleiben sie allerdings ein charmantes Stück entfernt. Wir sehen die Tischgesellschaft im 60er-Jahre-Pullunder- und Midirock-Outfit, deren Siegfrieds Odettes Nebenbuhlerin Odile etwas bieder und balzend empfangen. Und wir sehen ein Ensemble, das gekonnt zwischen Spitzentanz, Drehungen, hohen Sprüngen und individuellen Ausbrüchen wechselt. Wenn Odette immer wieder anläuft, springt und dann drehend zu Boden stürzt, ist das sinnbildlich: Sie kämpft. Sie hadert, aber handelt.
Lillian Stillwell choreografiert ihre «Schwäne» zu Tschaikowskys Originalmusik (gespielt vom Sinfonieorchester Münster) humorvoll und melancholisch gleichermaßen. Ein lohnender Blick auf einen berühmten Klassiker.
Wieder 7., 19., 27. März; www.theater-muenster.de
Tanz März 2026
Rubrik: Kalender, Seite 41
von Sarah Heppekausen
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