Liebhaben
Giselle, da steht sie, bildschön, vor dem Vorhang, Grabblumen zu Füßen, ein trauernder Albrecht spielt die Klarinette. Ihr Gesicht glänzt wachsweich. Ihren Kopf hält sie nach hinten gebeugt, den Mund leicht geöffnet. Ein weißes Laken spannt sich über ihren atemlosen Körper. Eine Puppe, eine Schaufensterpuppe, das denken alle im modernen Bau der Teatros del Canal in Madrid, bei dieser Premiere mit maskiertem Publikum auf vollen Sitzreihen – nur jeder dritte Platz im Theater ist gesperrt. Die Puppe stellt Giselle dar, ganz sicher, denn es ist die Premiere von «Giselle».
Da reißt der Klarinettist, ganz Mann, dieser Puppe das weiße Laken vom Leib. Und alle sehen – Giselle nackt. An Giulia Russos gespannten Beinen ist deutlich zu erkennen, was sie ist: eine mit flacher Atemtechnik gesegnete Tänzerin, todesstarr, von den Wilis verflucht. Die alte Geschichte also, die der Librettist Théophile Gautier und die Choreografen Jean Coralli und Jules Perrot 1841 erzählt haben, und die seither nicht mehr sterben kann, sondern wieder und wieder aufersteht.
Mindestens seit der legendären Neuinterpretation von Mats Ek 1982 weiß man, wie gut dieser Stoff geeignet ist, um den jeweiligen Zeitgeist zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Februar 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Arnd Wesemann
Ausschreibungen
Das nächste «Tanztreffen der Jugend» findet vom 17. bis 24. September im Haus der Berliner Festspiele statt. Gesucht werden Stücke von und mit Jugendlichen, die allein oder unter professioneller Anleitung ihre eigenen Themen finden und diese mit zeitgenössischen und/oder urbanen Bewegungssprachen in eine künstlerische Form bringen. Einsendeschluss:...
Die Demokratische Republik Kongo ist eines jener Länder, die wie von der Geschichte verflucht wirken. Während einer der schlimmsten Episoden des europäischen Kolonialismus bis aufs Blut ausgebeutet, im Kalten Krieg ein Spielball zwischen Ost und West, dann jahrzehntelang unter der nationalistischen Diktatur Mobutu Sese Sekos. Geschichtsdaten: Kongo-Gräuel...
Wie zerbrechlich sind Selbstverständlichkeiten! Die Verbreitung von COVID-19 und die dagegen verordneten Maßnahmen wie social und physical distancing haben uns die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen ins Bewusstsein gerufen. Ihr Zerfall würde den gesellschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Verändert sich eine Gesellschaft, verschieben sich auch die Grenzen...
