Liam Scarlett
Gewöhnliche Jungs spielen Fußball, wenn sie Dampf ablassen müssen. Dass einer sich beim Tanzen die Hörner abstößt, kommt selten vor. Liam Scarlett ist so ein Fall. Mit vier Jahren nahm er Tanzunterricht, damit die Familie samstags ihre Ruhe hatte. Zwanzig Jahre später hat Scarlett den Sprung auf die große Bühne des Royal Opera House in London geschafft – als Choreograf der königlichen Kompanie.
Zum jüngs-ten Dreierabend steuerte der Lockenkopf das Mittelstück bei, ein delikat zubereitetes und zelebriertes Intermezzo zwischen Christopher Wheeldons erratischem «Electric Counterpoint» und Mats Eks erdiger «Carmen». «Asphodel Meadows» betitelt, zeigt es die Blumenwiesen des Hades, auf denen Verblichene – in Liebe und Leid vereint – lustwandeln. Drei Paare und vierzehn chorische Begleiter bebildern Scarletts zwanzigminütigen Blick ins Totenreich. Nicht genialischer Furor, sondern handwerkliche Könnerschaft hat ihm den Pinsel geführt. Sein Stil sei «essentially traditional», betont der Debütant. Was heißt: Hoch lebe die klassische Form mit ihren sanft schwingenden Balançoires und eleganten Glissades. Drei Olympier nennt Scarlett als Paten, neben Kenneth MacMillan und Jiří Kylián vor ...
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