Im Limbus
Spiegelt Künstliche Intelligenz (KI) nicht nur das Wissen, sondern auch das Wesen der Menschheit? Diesen Gedanken aus Shannon Vallors philosophischem Sachbuch «The AI Mirror» verfolgt Alexander Whitley in seinem Stück «Mirror». Der britische Choreograf (tanz 7/22) ist dafür genau der richtige Mann, denn er vermisst mit seiner eigenen Compagnie seit 2014 immer wieder die neuesten Schnittpunkte von Spitzentechnologie und Tanz.
Nach der Uraufführung im Londoner Sadler’s Wells brachte das Hessische Staatsballett die visionäre Arbeit als Koproduktion beim KI-Festival des Staatstheaters Darmstadt heraus. Whitley verwendet Motion Tracking, wie man es aus Kinofilmen (oder im Tanz seit Merce Cunningham) kennt. Sieben Kameras filmen Tatsuki Takada und Sofie Vervaecke in ihren Ganzkörperanzügen mit Markierungspunkten, über die Bewegungen registriert werden. Anders als im Film werden die Daten nicht in einem aufwendigen Postproduktionsprozess zu Trickbildern aufbereitet, sondern in Echtzeit verarbeitet. Dadurch können die Akteure auf der Bühne mit ihren Alter Egos auf Projektionsflächen vor und hinter sich interagieren. Eingebettet sind diese Momente der Improvisation zwischen Mensch und Maschine in vorprogrammierte digitale Kunstwelten.
Rauschhafte Bannkraft
Eingepasst in eine technische Laborsituation, entfaltet Whitleys Kunst eine rauschhafte Bannkraft. Es beginnt mit lebenden Scherenschnitten, aus denen sich Mann und Frau in ihren schwarz-weißen Suits wie Pierrots herauslösen. Als nach einiger Zeit die ersten Datenschatten über die Gazewände flackern, treten die Menschen ein in ein digitales Spiegelkabinett, in dem ihr Pas de deux zum Sextett wird. Bis sich schließlich die Individualität verliert im Ornament der digitalen Masse, wo wimmelnde Armeen von Avataren ein eigenes Bewegungsbewusstsein zu erreichen scheinen. Das zerreißt die anfangs innige Verbindung der Menschen. Die KI schneidet aus dem Abbild des Paartanzes die Frau heraus, und der Mann erliegt als Narziss des Cyberspace den magischen Spiegeltricks der Technik. Bald ist er umwirbelt von Ziffern, gefangen im Gitternetz der Strichcodes. Und auf den grafischen Flächen um ihn herum wuchern organische Strukturen, halb Nervengeflecht, halb Krebsgeschwür. Whitley taucht tief hinein in den düsteren Data-Limbus. Es ist ein faszinierender Blick in den Abgrund. Doch Alexander Whitley hat Hoffnung für Leib und Liebe: Die Frau rettet ihren Mann. Lady Orpheus zieht Mister Narzissus zurück aus dem Datenstrom der Unterwelt ins Traumland des Tanzes.
Tanz Juli 2026
Rubrik: Digitalität, Seite 48
von Stefan Benz
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