Im Kino: Looking at the stars
Was ist eine Ballerina? Schön, fragil, weiß, weiblich, jung? Schon längst nicht mehr. Trotzdem stellen sich Tänzerinnen die Frage immer wieder, verbunden mit dem Zweifel, ob sie dem Klischee standhalten. Auch in der Tanzdokumentation «Looking at the Stars» kommt sie auf. Eine Ballerina, antwortet da Ballettlehrerin Fernanda Bianchini, verkörpere alles im Leben, was perfekt sei. Doch sie ergänzt listig: Auch, wenn das nicht immer wahr ist. Eine Ballerina trippelt langsam ins Bild. Spitzenschuhe. Glitzertutu. Perlenkrönchen. Dutt. Zarter Körper.
Behutsam ist jede ihrer Bewegungen. So weit, so ideal. Doch wir wissen natürlich schon: Die Ballerina ist blind. Ihr Leben alles andere als perfekt.
2012 entdeckt der Filmregisseur Alexandre Peralta die Ballettschule Fernanda Bianchini’s Association of Ballet and Art for Blind People. Mitten in São Paulo unterrichtet Bianchini hier seit über 20 Jahren Blinde. Mittlerweile sind über 300 Schüler an dem vor allem durch Spenden finanzierten Institut, viele aus prekären Familienverhältnissen. Regisseur Peralta hat zwei der Schülerinnen über mehrere Jahre begleitet. Die talentierte -Geyza erblindete mit neun Jahren. Der 14-jährigen Thalia wurden im Alter von zwei Jahren nach einer Krebsdiagnose beide Augen entfernt. Sehr unbehaglich für den Zuschauer: Der Film zeigt Thalia bei der Anpassung neuer Kunstaugen. Beim ersten Gang mit dem Blindenstock durch das Verkehrschaos in São Paulo. In der Schule, wo Thalia isoliert von ihren Mitschülerinnen auf einem Randplatz sitzt und zu Hause, wo sie weinend, aber unbeugsam erklärt: Die anderen müssen sich verändern wollen. Nicht ich.
Angesichts dieses mühsamen Alltags wird der Ballettsaal tatsächlich zur eskapistischen Verheißung. Gefühlvoll, niemals kitschig porträtiert Peralta die beiden jungen Frauen und verblüfft durch einen einzigartigen Blick auf den Tanz. Denn auch als Zuschauer erspürt man die klassische Akademik ganz neu: kein Turbo-Power-Ballett, sondern eine Entdeckung der Langsamkeit. Hochkonzentrierte Körper-Achtsamkeit. Und vor allem: Tanz voller Zärtlichkeit und Berührung. Unendlich viele Körperkorrekturen mit den Händen braucht ein battement tendu. Unendlich viel Geduld eine double pirouette auf Spitze, nicht nur wegen der schwierigen Balance, sondern auch, um zu fühlen, wo die Drehung enden muss, um wieder frontal zu sein. Fernanda Bianchini sagt nicht: «Heb den Kopf» zu ihren Eleven. Sie sagt: «Schau zu den Sternen». Mehr als eine Metapher. Eine Aufforderung, an die Kraft der Utopie zu glauben. Und neue Stars zu entdecken.
Nicole Strecker
«Looking at the Stars», ab 13. Februar im Kino; www.wfilm.de
Bis zum 9. Februar verlosen wir 5 x 2 Freikarten für «Looking at the Stars». Einfach E-Mail mit «Stars» an kommunikation@der-theaterverlag.de schreiben und gewinnen!
Tanz Februar 2020
Rubrik: Medien, Seite 59
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