Gezeiten

Erschütternd: Sasha Waltz’ «Gezeiten» in Berlin spekulieren mit der Katastrophe.

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Das Wort Katastrophe, aus dem Altgriechischen stammend, meint eine Wendung, die sich gegen etwas oder einen richtet. Darum gehört die Katastrophe auf die erhabene Seite der Natur wie der Steinschlag im Gebirge. Akustisch hebt so auch das neue Stück von Sasha Waltz an, das Grollen eines Erdbebens, der Weinkrampf einer Frau. Mit geschlossenen Augen ist das Stück ein Inferno.

Katastrophen verwandeln in Sekunden­bruchteilen Regionen in Baustellen. Bei Waltz ist der Putz ab, Wasserleitungen hängen blind an der Wand. Die Tänzer wanken, und mit ihnen fallen Stühle und Tische.

Für Sekunden schwankt die Choreografie wie ein Kronleuchter: Die Erde bebt, ohne zu beben, alles fließt aus den Körpern. Wunderbar. Dann ist die Erde still. Der Club der Überlebenden weint und schnattert auf Spanisch. Bunker nach dem 3. Weltkrieg. Die Feuertür ist abgeschlossen. Nichts. Nichts. Minute 40 tröpfelt herbei. Bis dahin spielte James Bush einmal Cello, ein Infizierter wurde mit Plastikhandschuhen behandelt, vier Gräber mit Ziegelsteinen markiert. Die Minuten nach der Katastrophe sind die schlimmsten. Alle warten. Auch das Pub­likum. Dann gibt es Essen. Ein Care-Paket wird he­reingereicht. Juan Kruz singt ...

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Tanz Januar 2006
Rubrik: Premiere, Seite 12
von Arnd Wesemann

Vergriffen
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