Geschwistertrauma
Dicke Daunenweste, robustes Schuhwerk – der Choreograf sieht gewappnet aus, als er zum Schlussapplaus antritt. Aber was ihn erwartet, ist vielleicht eine wirkliche Überraschung: kein Buh, kein wütendes Gezischel, sondern tosender Applaus für Marco Goecke, Basels neuen Ballettchef, und die fabelhaften Tänzer*innen, die seinem «Nussknacker» zum Leben verholfen haben. Zuspruch, der keine Selbstverständlichkeit ist.
Denn ob nach der erfolgreichen Langzeit-Ära Richard Wherlock und dem ebenfalls fein zugeschnittenen Interregnum von Adolphe Binder nun ausgerechnet der Fürst der Finsternis, Marco Goecke, am Oberrhein reüssieren würde, galt nicht als ausgemacht. Intendant Benedikt von Peter ist mit seiner Berufung ein Wagnis eingegangen – und er hat gut daran getan. Denn «Der Nussknacker», Basler Neufassung und weit weg von Goeckes 2006 am Stuttgarter Ballett herausgebrachtem Erstling, lässt sich als Kommentar auf die Zeitläufte verstehen: auf Krieg, Krise und Terror. Nur dass sich die Katastrophen hier im Rahmen einer Rumpffamilie ereignen, in den Köpfen schlafender Kinder, die sich ins Reich der Märchen flüchten.
Radikale Entschlackung
Marie und Fritz aka Sandra Bourdais und Louis ...
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Tanz Februar 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Dorion Weickmann
Berlin
MILLA KOISTINEN «SWEAT (ANTHEM)»
Wenn eigentlich zugesagte Gelder gestrichen werden, was passiert mit der Kunst? Die finnische Choreografin Milla Koistinen, die in Finnland Fördermittel nach radikalen Kürzungen in der Kultur verlor, entschloss sich zum Weitermachen. Nicht zuletzt, weil ihr Stück «Sweat (anthem)» in Zusammenarbeit mit dem Dance On Ensemble,...
Die Zwerge sind schon von Beginn an da. Noch bevor sich der Vorhang im Kieler Opernhaus hebt, bevölkern sie die Bühne, sie luschern durch den Samt, husten einander ins Ohr, sie rutschen, stolpern, gleiten. Kurz: Die Zwerge machen Blödsinn im Tanz. Und geben damit die Richtung vor, in die Yaroslav Ivanenko das Grimmsche Märchen «Schneewittchen» treibt: Es geht um...
Katastrophenmeldungen, soweit Augen und Ohren reichen. Zum Jahreswechsel ein fahrlässig ausgelöster Flashover in der Schweiz mit zahlreichen Toten. Wenig später macht Trump einen auf Putin und greift sich Venezuela in Gestalt des Präsidenten (und fürwahr tunichtguten Drogenbarons) Maduro samt Gemahlin – Macht- und Erdölhunger als Motiv? In jedem Fall ein...
