Gerald Siegmund
Gerald Siegmund, frischgebackener Tanzprofessor in Bern und Korrespondent dieser Zeitschrift, hat seine Habilitationsschrift Abwesenheit – Eine performative Ästhetik des Tanzes veröffentlicht. Die üblichen 500 Seiten sind kein Pappenstiel. Aber keine Angst. Der Kritiker Gerald Siegmund hat dem Akademiker über die Schulter geschaut. Minuziös beschreibt er die von William Forsythe über Jérôme Bel bis Xavier Le Roy und Meg Stuart reichende Kunst. Keins der Stücke muss man gesehen haben.
Bis ins kleinste Detail führt er sie vor Augen, damit wir dem Autor zuschauen, wie er grandios vom Lapidaren des Beschreibens ins scharfe Denken kippt. Dabei gilt: Je unspektakulärer ein Tanz – etwa von Philipp Gehmacher (Foto Archiv) – ist, desto brillanter gelingt es ihm, das im Tanz Abwesende auf dem Tablett des Denkens zu präsentieren. Denn das ist sein Thema: Gegen das Tanzspektakel der fröhlichen Präsenz setzt er den tanzenden Körper, der seit Mary Wigman gerade das Abwesende, Innere meint. Nicht die Präsenz des Körpers sei das Tolle, sondern das, was nicht gezeigt wird, was der Körper ausspart und eine Leerstelle erzeugt – eine mögliche Erklärung, warum viele Tanz nicht verstehen. Dagegen hilft ...
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