Garten der Lüste

Das Gemälde ist so berühmt wie verrätselt, die Choreografin auf Außergewöhnliches abonniert. Die Bibel-Visionen des Hieronymus Bosch beatmet Marie Chouinard mit ganz und gar pinseltreuem Tanz

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Es wird nie mehr auf Reisen gehen, Madrid nie mehr verlassen. Kein Jubiläum, kein noch so verlockendes Angebot kann die Kuratoren des Prado dazu bringen, Hieronymus Boschs monumentalen «Garten der Lüste» außer Haus zu geben. Zu wertvoll, zu einzigartig und in der Substanz zu fragil ist das Triptychon, das trotz sakraler Anmutung doch nie einen Altar zierte. Schließlich hat Jeroen van Aken alias Hieronymus Bosch 1503 jede Menge Sünder und Sünden auf den drei Eichenholztafeln verewigt. Von der «Schöpfung der Welt bis zum 3.

Tag», in zarter Grisaille-Malerei auf die Außenflügel gepinselt, führt die Bildstrecke im Inneren zum «Garten Eden», von da aus über die mittig platzierten, vorsintflutlichen Amüsements im «Garten der Lüste» auf direktem Weg ins Inferno.

Zahllose Deutungsraster

Vermutlich war es Hendrik III. von Nassau, der das säkulare Retabel als Dekoration für seinen Brüsseler Palast in Auftrag gab. Auf jeden Fall ist das Werk das meistkopierte, meist­diskutierte, meistinterpretierte der zwanzig erhaltenen Gemälde aus Boschs Atelier. Zahllos die Studien, die surrealistische, psychoanalytische, theologische Deutungsraster über Form und Sujet schoben, zahllos die Beschreibungen ...

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Tanz Juli 2017
Rubrik: Produktionen, Seite 11
von Dorion Weickmann

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