frédéric flamand
So recht geht das erst einmal nicht zusammen: Der Schüler eines Schülers des berühmten polnischen Theatererneuerers Jerzy Grotowski leitet heute das Ballet National de Marseille. Als solcher – sprich: Lehrling des Grotowski-Lehrlings Franz Marijnen – verehrte er das «Arme Theater», das im Körper nach der Wahr-heit sucht und die choreografische Vision verachtet. So einer, ausgerechnet, führt heute die zweitgrößte Ballettkompanie Frankreichs. Dabei hat Frédéric Flamand davor nie auch nur einen Karriereschritt innerhalb einer gehobenen Tanzinstitution absolviert.
Stattdessen mietete er 1979 lieber eine leer stehende Brüsseler Zuckerfabrik namens La Raffinerie und feierte dort Partys mit amerikanischen Hipsters, mit Allen Ginsberg, William Burroughs, Joy Division und dem Cabaret Voltaire. Als ihm 1991 die Leitung des Königlich-Wallonischen Balletts angetragen wurde, zerschlug er die Institution und schuf die erste zeitgenössische Kompanie im französischsprachigen Belgien, Charleroi/Danses. So einer, ausgerechnet, wurde dann 2004 Nachfolger des Schwarms aller französischen Frauenzeitschriften und beerbte Marie-Claude Pietragalla, die einstige Étoile des Ballet de l’Opéra National de ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz April 2013
Rubrik: menschen, Seite 14
von Arnd Wesemann
Er ist dunkelhäutiger, älter, mächtiger, einfach anders als der Rest – doch was ihn zum Helden macht, macht ihn auch zum Narren. Das Fremdsein ist Distinktion und Verhängnis zugleich, so ist es schon bei William Shakespeare. Seit Peter Zadek einst seinen übergewichtigen Schauspieler Ulrich Wildgruber in einen Schuhcreme-Mohren verwandelte, wird «Othello» regelmäßig...
Der Vorhang öffnet sich, schwarz gähnt die Bühne des Palais Garnier, bis irgendwo in der Tiefe des Raums ein goldener Schimmer aufflackert und über stuckierte Wände irrlichtert. Kaum hat sich das Auge an die emporzüngelnden Mauer-Flämmchen gewöhnt, tauchen aus dem Nichts kleine Füße auf, sorgsam auswärts gerichtet. Ein paar Schritte, dann zeichnen sich darüber...
«Wo sind die schwarzen Balletttänzer?», fragten im Herbst 2012 Olivia Goldhill und Sarah Marsh in der britischen Tageszeitung «The Guardian». Die Autorinnen, selbst weder Tanzkritikerinnen noch bislang mit einschlägigen Publikationen in Erscheinung getreten, beklagen den Umstand, dass es in großen, internationalen Ballettkompanien so wenig schwarze Tänzer gibt....
