Femme étoile
Am 15. Oktober wird Dorothée Gilbert als Manon die Bühne des Palais Garnier betreten – um ihren Abschied vom Pariser Opernballett zu nehmen. Die Choreografie von Kenneth MacMillan hat sie sich selbst ausgesucht. Den Des Grieux an ihrer Seite wird Hugo Marchand verkörpern. Eine ideale Kombination: Vor elf Jahren haben die beiden just in MacMillans Klassiker ihre besondere Chemie entdeckt. Und nun schließt sich mit dieser «Manon» ein Kreis.
Virtuosität ohne Aufdringlichkeit
Ganz besonders imponiert die Finesse von Dorothée Gilbert.
Ihre Linien sind stets klar, ihre Füße präzise. Ihr Épaulement verleiht der akademischen Formstrenge Wärme. Sie zeigt Virtuosität, ohne nach Applaus zu heischen. Gilbert nutzt ihre Körperbeherrschung dazu, Anmut zu erzeugen. Jedes Detail hat seine Bedeutung, ist niemals nur Dekoration. Das alles sind Qualitäten, die sich die Ballerina mühevoll erarbeiten musste. Sie trat 1995 in die Ballettschule der Opéra ein, im Jahr 2000 schließlich in die Compagnie. Freimütig hat sie davon berichtet, als Kind nicht die idealen körperlichen Voraussetzungen mitgebracht zu haben. Wo sie an physische Grenzen stieß, musste sie kompensieren. Technik ist für sie deswegen so wichtig, weil sie Tänzer*innen letztlich in die Lage versetzt, sie irgendwann wieder zu vergessen. Sobald diese Grundlage gefestigt ist, kann die Aufmerksamkeit ganz und gar der jeweiligen Rolle gewidmet werden. Gilberts Ernennung zur Danseuse Étoile im Jahr 2007 beweist es: Kurz zuvor hatte sie die Clara in Nurejews «Casse-Noisette» an der Bastille-Oper getanzt, während des Streiks des technischen Personals. Mit der enormen Weite der nackten Bühne konfrontiert, musste sie die «Nussknacker»-Welt ohne die üblichen Hilfsmittel des Theaters aus sich selbst heraufbeschwören. Auf diesen Abend folgte die Beförderung, die sinnbildlich für ihre Laufbahn ist: alle äußeren Strukturen abgestreift und die körperliche Präsenz ins Zentrum gerückt.
Es folgten die großen Ballettheldinnen: eine zarte Giselle, die sich der Grenze zur Zerbrechlichkeit immer weiter annäherte, ohne sie je zu überschreiten. Eine Kitri voller Attaque. Odette-Odile bezwingend dunkel angelegt. Eine Tatiana, die ihre emotionale Gravitas aus der Zurückhaltung gewann. Eine Juliette, die es sich gestattete, die makellose Architektur ihrer Phrasierung durch gelegentliche Impulse zu durchbrechen. Eine Nikiya, die sich das traditionelle Idiom voll und ganz aneignete, ohne dabei ins Museale zu verfallen. Schließlich eine Lise in «La Fille mal gardée», die ihrem tadellosen klassischen Vokabular spielerischen Esprit angedeihen ließ. Außerdem eroberte sie sich Choreografien von William Forsythe, Trisha Brown und Mats Ek, der ihren Körper in radikal neue Bewegungsmuster vorstoßen ließ.
Geschichten erzählen
Das Narrative freilich blieb Gilberts Herzensangelegenheit. Sie selbst hat erklärt, dass sie eine Vorliebe für Werke hat, die Geschichten erzählen. Die Musik betrachtet sie als das wesentliche Vehikel, um zum dramatischen Kern vorzudringen. Dabei übersetzt sie die jeweilige Partitur nicht bloß illustrativ in Bewegung. Sie erlaubt es der Musik vielmehr, das Timing einer Aktion oder die Dynamik einer Begegnung zu verändern. In solchen Rollen tritt das Handwerkliche in den Hintergrund. Künstlerische Reife hat den entsprechenden Instinkt der Tänzerin geschärft. Im Zusammenhang mit Manon, die sie in einer späten Phase ihrer Karriere getanzt hat, beschreibt Gilbert Reife als einen Prozess des fortschreitenden Weglassens. Jüngere Künstlerinnen oder Künstler mögen sich bemüßigt fühlen, ein Gefühl unter Beweis zu stellen. Indes stelle sich mit zunehmender Erfahrung der Mut ein, auf beinahe nichts mehr zu vertrauen. Ein bezwingender Gedanke, der den Stil von Dorothée Gilbert ganz trefflich beschreibt. Inzwischen scheint sich ihre Ausdruckskraft in einem bloßen Blick zu konzentrieren, oder in einem angehaltenen Atemzug. Weniger bedeutet eben nicht Leere, sondern Vertrauen. Nicht weniger wichtig ist für Gilbert die Partnerschaft auf der Bühne. Die Harmonie zwischen ihr und Hugo Marchand ist außergewöhnlich. Gilbert hat sie mit der Beziehung eines alten Paares verglichen: Man versteht sich wortlos. In einem Pas de deux eröffnet diese Vertrautheit Räume. Gilbert kann dem Partner ihr Gewicht anvertrauen, weil sie sich sicher sein kann, dass sie gehalten wird. Chemie spielt hier eine große Rolle; ihre Wirkmächtigkeit offenbart sich vor allem dann, wenn Zärtlichkeit jäh in Gefahr umschlagen kann. Manon eignet sich ideal als Dorothée Gilberts Abschiedspartie: widersprüchlich und lebenshungrig. Die Tänzerin weigert sich, ihre Figur auf moralische Lektionen zu verengen. Was sie vornehmlich interessiert, ist der Spagat zwischen Liebe und Vergnügen. Dieses Spannungsfeld eröffnet Gilbert den Raum, ihre singuläre Gabe zu entfalten: Gefühle sichtbar zu machen, ohne sie zu erzwingen.
Abschied nimmt Dorothée Gilbert übrigens nur von der Pariser Oper. Ihr Terminkalender ist glücklicherweise bereits mit anderweitigen Auftritten im Ausland bestückt. Sie hat vor, freiberuflich weiterzumachen und sich an diversen künstlerischen Projekten zu beteiligen. Unterrichten und Coaching sind ebenfalls Optionen. Somit markiert der letzte Vorhang im Palais Garnier keineswegs einen endgültigen Schlusspunkt, sondern allenfalls den Ausklang eines außergewöhnlichen Kapitels. Das sich metaphorisch in etwa so einschreibt: Gilbert hoch auf Spitze – und sie hält die Balance einen Sekundenbruchteil länger, als man erwartet. Sagenhaft.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher
Als Manon wieder im Palais Garnier, 1., 12. und 15. Oktober
Tanz Oktober 2026
Rubrik: Menschen, Seite 30
von Nicolas Vamvouklis
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