«Étoile», erste Staffel

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Es wird gefeilscht, was das Zeug hält: «Ich brauche einen charismatischen Tänzer – ich will Antoine Guillaume», sagt er, und prompt quert ein Ballerino mit Grands jetés en manège den Screen; «Ich will Anna», erwidert sie, und schon peitscht per Insert eine fouettierende Grazie heran … «wir befördern sie zur Solistin, das gibt eine großartige Story».

Vom Kopfende des Verhandlungstisches meldet sich ein Grauschopf im fliederfarbenen Hemd, den die eine Partei für den Teufel in Person hält, während die andere ihn als großmächtigen Finanz-Zampano feiert: «Das ist eine wirklich großartige Idee!» Und schon steuert das Geschacher auf den nächsten Höhepunkt zu: «Ich brauche einen jungen, aufregenden Choreografen – Du hast einen. Tobias Bell, den möchten wir haben», fordert sie.

Einblendung – Mr. Bell bei Proben, seinerseits mit gigantischen Ohrhörern bewaffnet, die er nur für lautmalerisch vorgebrachte Korrekturen absetzt. Ein irrer Typ. So geht es im Hi-End-Konferenzraum hin und her (trotz kurzer Atempause, verbracht mit Kenneth MacMillans «Romeo und Julia»), bis er mit dem ultimativen Namen herausrückt: «Cheyenne, ich will Cheyenne.» Sein Gegenüber verliert kurz die Contenance, wer opfert schon gerne seine Danseuse étoile, und sei es auch nur für ein einziges Jahr? Und dennoch ist eine Personalrochade die einzige Chance, Schwung in beide Läden gleichzeitig zu bringen: in New Yorks Metropolitan Ballet und das Pariser Opernballett. Deshalb einigen sich Geneviève Lavigne und Jack McMillan – sie Chefin der Opéra, er Executive Director des MBT – auf den Deal, den der fliederfarben bekleidete Herr finanzieren wird: Mäzen Crispin Shamblee, der sein Vermögen auf Kosten der Umwelt macht und durchaus auch mal mit einem Öltanker Schiffbruch erleidet. Shit happens. «Étoile», gerade bei «Amazon Prime Video» angelaufen, ist genau das, was eine Serie mit Suchtpotenzial ausmacht: In jeder Hinsicht professionell spielen die Produzenten auf der Klaviatur der Attraktionen und Emotionen, und das in einem verdammt glamourösen Milieu, wie es sich für eine Hochglanzfiktion gehört. Zwei Ballettkompanien tauschen also marketingträchtig ihre Stars, um mehr Reichweite, mehr Ticketverkäufe, mehr Schlagzeilen und mehr Influencer-Sympathien abzugreifen. Amy Sherman-Palladino und Daniel Palladino, die schon für «Bunheads» im Showbusiness unterwegs waren und mit den «Gilmore Girls» sagenhafte Erfolge landeten, haben den Plot erdacht und szenisch umgesetzt, als Choreografin stand überwiegend die preisgekrönte Marguerite Derricks am Set. Der minutenlange Abspann verrät natürlich auf den ersten Blick: An diesen acht einstündigen Episoden haben hunderte von Leuten hart geschuftet – nicht zuletzt die Tänzerinnen und Tänzer, die Charlotte Gainsbourg (alias Geneviève) und Luke Kirby (alias Jack) unter Vertrag haben. Dazu gehören dann auch lebensechte Bühnen-Big-Shots wie Tiler Peck (als Rekonvaleszentin mit Psychocoach), Robbie Fairchild, Roman Mejia, der Choreograf Christopher Wheeldon … die neben den Kameraprofis Gainsbourg & Co eine durchweg hinreißende Performance abliefern.

Die Première Dame des turbulenten Geschehens – inkl. Sex, Siechtum, Streit und Schinderei – gibt allerdings fraglos Cheyenne Toussaint, von der französischen Schauspielerin Lou de Laâge mit dem legendär widerspenstigen Temperament zweier wahlverwandter Primaballerinen aufgeladen – gerade so, als wäre Maja Plissezkaja auferstanden und Sylvie Guillem immer noch «Mademoiselle Non» im Spitzenschuh. Selbst das Körper-Double der Aktrice, die britische Tänzerin Constance Devernay, leuchtet bis in die Fingerspitzen. Überhaupt mischt die Wirklichkeit überall mit – bis hin zum Mäzenatentum eines Crispin Shamblee, das als Reminiszenz an die Ex-Partnerschaft des Royal Ballet London mit dem Sponsor «British Petroleum» daherkommt.

Und die weniger erbaulichen Facetten des Metiers? Werden zumindest mal erwähnt. Sogleich aber legt sich die Schönheit der Schauplätze von Lincoln Center bis Palais Garnier über potenzielle Anorexie- und #Me-Too-Sollbruchstellen des Klassikgewerbes, das hier blüht und gedeiht und zuletzt in einer choreografischen Offensive kulminiert, die Tobias Bell (der fabelhafte Gideon Glick) dem Pariser Premierenpublikum zumutet. Wie das alles weitergeht? Die zweite Staffel ist schon in der Mache. 
Stream über «Prime Video»; www.amazon.de


Tanz Mai 2025
Rubrik: Medien, Seite 65
von Dorion Weickmann

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