Die Gründliche

Als Dramaturgin hat Anne do Paço dem Choreografen Martin Schläpfer ein Vierteljahrhundert zur Seite gestanden – und sein Werk in zahlreichen Texten erschlossen

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Ein ungewöhnlich geformter Stein liegt auf Anne do Paços Schreibtisch. Was es damit auf sich hat? «Es ist ein Faustkeil aus der Steinzeit, den ich an einem Strand in Nordportugal gefunden habe», erzählt do Paço Ende April, gut zwei Monate vor dem Ende ihrer Amtszeit am Wiener Staatsballett. Dieses Zeichen früher Zivilisation ist nicht nur formschön: Heute könne man immer noch Nägel damit in die Wand schlagen oder etwas zertrümmern, weiß die Chefdramaturgin.

Sie sitzt mir gegenüber in ihrem kleinen Büro in der Wiener Staatsoper, das – nicht nur für eine Kulturschaffende und Geisteswissenschaftlerin – ungewöhnlich strukturiert und aufgeräumt wirkt. Abgesehen von dem archäologischen Fund liegt nichts herum, nichts sticht ins Auge, weder persönliche Dinge noch Office-Deko. Bei ihren Kolleg*innen genießt die langjährige Dramaturgin des scheidenden Chefchoreografen und Ballettdirektoren Martin Schläpfer – die beiden verbinden 26 (!) Spielzeiten an drei Häusern – einen herausragenden Ruf. «Sie ist die gründlichste, verlässlichste und wissendste Kollegin, die man sich nur wünschen kann.» Sagt Monika Doll, Pressesprecherin des Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg. In elf Jahren Schläpfer-Ära (2009 – 2020) hat sie hautnah erlebt: «Anne lebt wirklich für die Kunst.» Noch heute schwärmt Doll von deren Archiv.

Anne do Paço lächelt kaum merklich und zuckt mit den Schultern: «Naja, man muss schon professionell arbeiten. Wir haben ja an der Uni gelernt, wie man wissenschaftlich arbeitet.» Dabei sei es die Crux des Dramaturgenberufs, dass man nie bei einem Stoff bleiben könne. «Ich würde gerne einmal länger und tiefer bei einem Thema graben.» Apropos graben: Der Vater, ein Portugiese, war ein leidenschaftlicher Archäologe. Von daher hat ihre Gründlichkeit möglicherweise auch genetische Ursachen. «Sein Onkel Manuel Afonso do Paço zählte zu den Begründern der portugiesischen Archäologie», ergänzt die Nachfahrin mit einem Anflug von Stolz in ihren klugen Augen. Ihr Vater habe sich von Portugal aus Richtung Italien vorgearbeitet und mit Ausgrabungen in Rom auf dem Forum Romanum promoviert. Später habe er in Xanten und Bonn ausgegraben und sich schließlich als Kurator am Landesmuseum in Mainz niedergelassen, wo Tochter Anne 1970 das Licht der Welt erblickte. Die kunstinteressierte Mutter, ebenfalls entbrannt für Archäologie, war dem Wissenschaftler als Studentin begegnet – natürlich beim Graben – in Xanten. «Die Gründlichkeit», do Paço besitzt offenbar auch einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, «kommt aber auch von meiner Mutter. Sie war Lehrerin für Kunst und Deutsch.»

Austausch über Musik
Anne do Paço und Martin Schläpfer trafen am Staatstheater Mainz 1999 aufeinander – und nichts deutete auf eine so lange Partnerschaft hin. Die junge Operndramaturgin, Magistra Artium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik (FU Berlin), hatte Ballett bisher nur aus der Zuschauerperspektive wahrgenommen. Aber was der neue Ballettchef da machte, faszinierte sie: «Er hat eine Tanzkunst ans Staatstheater Mainz gebracht, wie ich sie noch nie vorher gesehen hatte», erinnert sie sich. «Es herrschte damals eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Davon Teil zu sein und die Perspektive, seine Idee eines ballettmainz mitgestalten zu können, war ein großes Geschenk.» Allerdings habe sie anfangs Mühe gehabt, ihn für eine Zusammenarbeit zu öffnen. Do Paço: «Martin war unglaublich scheu. Über seine Stücke wollte er nicht sprechen. Er wollte auch nicht, dass man darüber im Programmheft schreibt.» Es war der Austausch über Musik, mit dem eine Annäherung begann: «Wir haben sehr viel über Kompositionen geredet. Darüber, was man vertanzen, was man kombinieren könnte. Ich habe ihm viel hingelegt.»

Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Und schließlich durfte do Paço doch in Worte fassen, was Schläpfers Ballette ausmacht. Heute ist er ihr dankbar dafür. Der große Schweizer Tanzschöpfer formuliert es so: «Sie hat meiner Arbeit eine Stimme gegeben.» Tatsächlich sind do Paços Programmhefte unerreicht. Ihre Stückbeschreibungen erhellen Schläpfers Werk, indem sie seine in Düsseldorf/Duisburg und später auch Wien zunehmend metaphysischen und philosophischen Gedankenwelten präzise analysieren. Die eigenwillige Symbolik, über die man sich den Kopf zerbrechen mag, findet man, dankbar, bei ihr interpretiert.

Tanzerbe und Zeitgenössisches
Auch die Werkeinführungen und Gesprächsformate machen schlau. Die Mainzerin hat das Profil von Martin Schläpfers Ensembles über die Spielpläne mitgeprägt. Dabei war ihr insbesondere die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponist*innen wichtig. Vor allem war die Uraufführung «Deep Field» von Adriana Hölszky ihr Ding. Ein Stück, das für Aufsehen sorgte und kontrovers diskutiert wurde. In Wien sollte do Paço in Sachen Audience Development beachtliche Kreativität entwickeln. Dabei war sie anfangs skeptisch, als ihr Chef auf dem Höhepunkt seines Schaffens und seines Erfolgs am Rhein an der konservativen Wiener Staatsoper unterschrieben hatte. Dann folgte sie ihm doch. Denn: «Wir haben in Düsseldorf und Duisburg, denke ich, gezeigt, wie es gelingen kann, das Tanzerbe mit dem Zeitgenössischen zu verbinden – durch die Arbeit eines Ballettdirektors, der auch Choreograf ist und somit über die Instrumente verfügt, ein Ensemble zu formen.» Letztlich, so do Paço, seien es immer bedeutende Choreograf*innen gewesen, die durch die Leitung eines eigenen Ensembles den Tanz weitergebracht hätten: «All das mit Martin weiterzudenken für eine Company von der Größe und dem Rang, aber auch der Tradition eines Wiener Staatsballetts, hat mich sehr gereizt.»

Die erfahrene Ballettdramaturgin wird grundsätzlich. Sie weitet den Blick auf die aktuelle Entwicklung an den städtischen Häusern. Do Paço: «Von den großen Ballettensembles wird erwartet, dass sie auch ein großes abendfüllendes Repertoire zeigen. Aber das geht uns aus! Wir können nicht immer dieselben Dauerbrenner auf die Bühne bringen. Wir müssen die großen Formate auch aus unserer Zeit heraus füllen», fordert sie. Und weiter: «Martin Schläpfer ist einer der wenigen Choreografen, die heute überhaupt noch für große Ensembles choreografieren. Er ist aber auch jemand, der andere Choreografen motivieren kann, sich dieser Aufgabe zu stellen.» Mit Bedauern fügt sie hinzu: «Das wollten wir in Wien angehen, auch mit Auftragskompositionen. Die Zeit, die wir dafür hatten, fünf Jahre, von denen zwei der Pandemie zum Opfer fielen, war leider zu knapp.»

«Fünf Jahre Buhs», behauptete die APA (Austrian Press Agency) – dabei jubelte das Publikum. Es war eine Zeit der Höhen und Tiefen. Teile der Wiener Presse echauffierten sich, der Spielplan war ihnen offenbar zu modern. Mit sachlicher Kritik war es nicht getan, erschwerend kam hinzu, dass der Rechtspopulismus um sich griff. «Was die Presse verreißt, gefällt dem Publikum sehr», sagt do Paço mit einem bitter-ironischen Unterton und verweist auf die Statistik: Die Ballettvorstellungen in der Staatsoper erreichten in der Spielzeit 2023/24 eine Auslastung von 99,99 Prozent, in der laufenden Spielzeit sind es bislang 100 Prozent. Und die 28 Vorstellungen von «Dornröschen» (tanz 1/23) – von einigen lokalen Medien besonders böse angegangen – waren zu 100 Prozent ausverkauft. Die Öffnung der Staatsoper in die Stadt war offensichtlich erfolgreich. «Als wir hier ankamen, war das Haus für mich wie eine Burg», blickt do Paço zurück. Und bilanziert selbstbewusst: «Wir haben hier viel aufgebaut!» Sie verweist auf Kooperationen mit anderen Institutionen wie dem Filmcasino, Kunsthistorischen Museum, Jüdischen Museum, auf Gesprächsformate mit Künstler*innen und Tanzveranstaltern sowie eine wöchentliche «Open Class».

Cello und Klavier
Anne do Paço ist eine leidenschaftliche Dramaturgin und – neben ihrem Engagement an der Wiener Staatsoper – eine gefragte Autorin, Moderatorin, Lehrbeauftragte. Sie pflegt langjährige Kooperationen, wie mit dem Pierre Boulez Saal Berlin, Wiener Konzerthaus und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Und sie musiziert selbst: Anne do Paço spielt Violoncello und Klavier. Zu Studentenzeiten war sie Gründungsmitglied des Berliner Kammerorchesters Sinfonietta 92. Klavier spielt sie noch regelmäßig. «Es ist auch mein Instrument, um mir musikalische Strukturen klarzumachen. Ich spiele die Partituren, zu denen kreiert wird, und die Opern, an denen ich arbeite, immer auch selbst am Klavier durch – soweit das möglich ist», überrascht sie ihr Gegenüber. Gibt es ein Privatleben jenseits der Kunst? «Natürlich», do Paço wirkt erstaunt. «Ich gehe gerne ins Kino, ins Museum, treffe mich mit Freunden und gehe wandern.»

Martin Schläpfer wird sich mit dem Ende der Spielzeit ins Tessin zurückziehen, für Anne do Paço beginnt ein Neuanfang in Hannover. Dort wird die bekennende Teamplayerin als Dramaturgin für Musiktheater, Tanz und Konzert wirken – auch an der Seite des neuen Ballettchefs Goyo Montero. Sie freut sich auf die Zusammenarbeit mit den neuen Kolleg*innen. War es Zeit für eine Veränderung? Do Paço blickt auf: «Diese Beziehung könnte ewig weitergehen, sie ist so beglückend. Martin überrascht mich jeden Tag neu.» Sie hofft, wie sicher viele andere, dass er nach einer Weile zurückkommt und weitermacht. Ein Leben ohne seine Stücke könne sie sich nicht vorstellen. Vielleicht gibt es ja bald ein Wiedersehen – in Hannover.


Tanz Juli 2025
Rubrik: Ideen, Seite 52
von Bettina Trouwborst

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