Chemnitz: «Eugen Onegin»

Reiner Feistel: «Eugen Onegin» in Chemnitz

Tanz - Logo

Eben noch erblüht der Morgen in seiner ganzen Farbigkeit, da lässt ein Donnerschlag den Stimmungsumbruch ahnen. Nicht dass Onegin Tatjana einfach im Regen stehen ließe, dafür ist der Nobelmann aus Sankt Petersburg Kavalier genug. Aber im gleichen Maße, wie er lesend ihr Liebesgeständnis verinnerlicht, knickt ihr Körper ein – gefaltet und geplättet wie der Brief, den er ihr abweisend zurückreicht: eine Szene, nicht zuletzt deshalb im höchsten Maße ausdrucksstark, weil sie sich in der spielerischen Ausgelassenheit der Schwester aufzulösen scheint.

Olga kann ja nicht ahnen, wen sie da wenig später blindlings umarmt – und so kommt es zu einem unheilvollen Missverständnis, dem ihr Verlobter Lenski letztlich zum Opfer fällt.

Stark ist auch der Umkehrschluss, dem Reiner Feistel Musik von Charles Ives («The Unanswered Question») unterlegt. Wie erstarrt auf einem Stuhl sitzend, lässt Tatjana keine Regung erkennen. Und doch: Jedesmal, wenn ein einzelner Trompetenton den Wohlklang stört, verliert sie ihre Contenance. Sie umarmt den Geliebten. Sie kann nicht anders; selbst nach Jahren der Reifung schwankt sie, inzwischen anderweitig gebunden, zwischen Pflicht und Neigung. Bis das moralische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 34
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
Nicht Asche anbeten

Annette von Wangenheim, «Feuer bewahren – nicht Asche anbeten», Ihr Filmporträt von Martin Schläpfer, besticht durch einen Fluss ästhetischer, ruhiger Bilder. War das Herstellen auch so ein entspannter Hochgenuss?
Es war ein komplexes Projekt über vier Jahre. So einen Marathon durchzuhalten, bedeutet immer extreme Anstrengungen. Aber die Zusammenarbeit mit...

Paris: «dbddbb»

Kinder erfinden ihre eigenen Regeln und Spiele, Rituale und Zeremonien. Sie sind per Definition heidnisch, frei und wild. Daniel Linehan, der sich seit seinem Solo «Not about everything» als einer der profundesten Denker der neuen Generation profilierte, hat es dabei verstanden, sich bei aller choreografisch-soziologischen Recherche auch einen Hauch Naivität zu...

Highlights

London: until the lions
Wer Vater wird, denkt zurück an die eigene Kindheit, spürt ihrem Wesen und dem Wesentlichen nach. Der Choreograf Akram Khan ist Vater geworden, und so beruft sich seine neue Produktion auf die Mythen, mit denen er aufwuchs, auf das indische Epos «Mahabharata». Und auf den Kathak, jenen Tanz, den er aus seiner bengalischen Heimat nach London...