Besucher ohne Theater

Der kulturelle Lockdown erzeugt Entzugserscheinungen und Erinnerungsschübe. Aber was hilft schon gegen die Sehnsucht nach Bühnenzauber?

«Und wer einmal Blut geleckt hat im Theater, der kann ohne Theater nicht mehr existieren.» So zitiert die Hauswirtschafterin Frau Zittel den verstorbenen Professor Schuster in Thomas Bernhards «Heldenplatz». Als Psychiater und Stressforscher weiß ich: Das Theater hält uns als Gesellschaft seelisch gesund. Theater ist ein Antidot gegen Stress.  Tagsüber behandle ich Menschen mit Depression, Ängsten und Stimmungsschwankungen oder erforsche die Folgen von Stress auf die menschliche Psyche. Abends gehe ich ins Theater.

Im Zuschauerraum sitzen, das Programmheft auf den Knien und den staubigen Duft des Parketts in der Nase verspüren – das ist für mich die Therapie von der Therapie. Es geht um das Stück, um die Inszenierung, die Kunst – aber nicht nur. Wonach es mich dürstet, ist das ganze Erlebnis des Theater­abends. Dazu gehören das schnarrende Klingelzeichen und auch die Garderobenmarke zwischen meinen Fingern in der Tasche. Und dazu gehören die Menschen, mit denen ich mich zum Theaterbesuch verabrede und mit denen mich während und nach der Vorstellung ein besonderes Gefühl von Zugehörigkeit verbindet. Und der Ausklang in der Kantine oder der Bar nebenan. Und dazu gehört auch ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2020
Rubrik: Corona-Krise, Seite 14
von Mazda Adli

Weitere Beiträge
Bühnendämmerung

Die Katastrophe war absehbar. Ignoranz, Inkompetenz, eklatante Versäumnisse, Chaos charakterisieren das Krisenmanagement der amerikanischen Regierung, seit die ersten Sars-CoV-2-Infektionen bekannt wurden. Und Präsident Donald Trump scheint sich nach wie vor mehr um seine Wiederwahl im Herbst als um die Eindämmung einer Pandemie zu sorgen, die zwischen Washington...

Komplex: Wechsel in Wien

Martin Schläpfer, Sie leiten ab Herbst das Wiener Staatsballett: Das eine Ensemble sitzt an der Staatsoper, das zweite, kleinere an der Volksoper, es leistet auch Musical-, Operetten- und Operndienste. Sie haben es mit zwei Intendanten zu tun: Bogdan Rošcic, neu im Haus am Ring, und Robert Meyer, seit 2007 an der Volksoper. Wie schaffen Sie diesen Spagat?
Meine...

Ausstellungen 6/20

Ausstellung: Fotokabinenkunst

«Inside Out» nennt der französische Künstler JR seine Aktionen: Betrete eine ­Fotokabine, mache ein ausdrucksstarkes Gesicht, die Kamera klickt und innerhalb einer Minute wird ein Schwarz-Weiß-Poster gedruckt. Die Teilnehmer nehmen es mit raus und kleben ihr Konterfei im öffentlichen Raum an Gebäude, Mauern oder auch auf Theatersessel...