Begehren
Der Kleider- und Mode-Fetischismus der Gegenwart, er wurzelt nicht zuletzt: im Mittelalter. Damals wurde die Pracht von Gewändern ein Medium der Repräsentation für geistliche und weltliche Eliten – was sich an Gemälden nachvollziehen lässt. Denn im 15. Jahrhundert erlangte die Malerei die Fähigkeit, die textile Stofflichkeit im Malraum zu vergegenwärtigen. Das Gewebe, die Muster und Faltungen von Gewändern, von Pelzen und Federn wurden mit derselben Sorgsamkeit behandelt wie die heiligen Gestalten der Bibel oder die Repräsentanten der Herrschaft.
Perlen und Edelsteine
Die Stoffe so nachzuahmen, dass sie eine taktile Anmutung erhalten, erforderte Übung und Können. Gewandstudien bezeugen die sorgsame Erkundung der Stoffe und die Herausarbeitung ihrer Plastizität durch Licht- und Schattenverteilung. Treten dann noch Farben dazu, wie bei Jan van Eycks «Madonna des Kanonikus Joris van der Paele» (1436), dann erkennen wir eine epochale Obsession. Die malerische Wiedergabe von Stoffen, Brokatstickereien, Edelsteinbesatz, Bordüren, Bändern, Teppichen, Tüchern, einfarbigen oder üppig golddurchwirkten Gewändern, von Schmuck und Perlen, Metall, Fußbodenkacheln, transparentem Glas – all ...
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Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Begehren, Seite 40
von Hartmut Böhme
Einen Talisman habe ich nicht – aber etwas viel Besseres: «the circle»! Seit es Gauthier Dance gibt, stelle ich mich vor jeder Aufführung mit meinen Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne im Kreis auf. Wir fassen uns um die Schultern, stecken die Köpfe zusammen, strecken ein Bein in die Mitte, bis wir uns treffen – und genießen gemeinsam diesen Moment der Ruhe. In...
Michiel Vandevelde hat etwas Unheimliches. Geniehaftes. Er schreibt, kuratiert, gründet Formate, choreografiert. Beim Produktionshaus fABULEUS im belgischen Leeuwen, das Kinder und Jugendliche mit professionellen Theatermachern zusammenbringt, erlebte er sein coming of age. Bei P.A.R.T.S. hat er studiert, in Magazinen und auf Festivals dekliniert er Diskurse. Bis...
Die junge Frau aus Mali wirkt schüchtern und bescheiden, aber sie muss sprechen, das Tabu zerbrechen, und dafür nimmt sie alle Kraft zusammen. Ihr Tanz ist ein stiller Aufschrei, der dem Publikum die Kehle zuschnürt, Gestik und Schrittfolge sind weich, fast zögerlich und trotzdem intensiv. Ein weißes Laken mit großem Blutfleck und ihren Körper – mehr braucht...
