antonia baehr, valérie castan: «Misses and Mysteries»

Tanz - Logo

Totsein setzt voraus, dass man vorher schon mal da war. Wenn man danach immer noch da ist, dann ging vermutlich etwas nicht mit rechten Dingen zu. Am Theater ist das nichts Ungewöhnliches. Für Kinder schon gar nicht. Sie spielen gerne tot. Das liegt auch daran, dass sie alles lieben, was keine (moralischen) Grenzen bzw. Schubladen kennt. Nach Lust und Laune wechseln sie beim Spielen das Geschlecht oder auch die Spezies und erheben tote Gegenstände in den Kreis der Lebenden.



Solch einem ungeniert-impulshaften kindlichen (Um-)Ordnungsprinzip folgt auch das choreografische Hörspiel «Misses and Mysteries» von Antonia Baehr und Valérie Castan. Nur ist hier nichts dem Zufall überlassen: Die «Nouvelle Vague Drag Show» ist das Ergebnis einer bis ins letzte Detail durchkonzipierten grotesken Wahrnehmungsverwirrungspartitur. Auf der Grundlage von Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Menschen sowie von John Smiths Kurzfilm «The Girl Chewing Gum» (1976) umspannt und unterläuft das Stück, zuletzt bei «Made in Potsdam» und nun bei der Tanzplattform zu sehen, den ganzen Facettenreichtum repräsentationsgeladener Erzählkunst. 

Beschrieben wird zunächst im Dunkeln. Vor dem inneren Auge ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz März 2016
Rubrik: Produktionen, Seite 14
von Christine Matschke

Weitere Beiträge
münster: hans henning paar «homo sacer/sacre»

Igor Strawinsky wäre sicher pikiert: Das Sinfonieorchester Münster donnert seine Komposition «Le Sacre du printemps» nur so aus dem Graben – und auf der Bühne benimmt sich die elegante Partygesellschaft völlig daneben. Nur die bloßen Füße erinnern noch an das archaische Urstück. Zu den zeitgenössischen Versionen des Jahrhundertwerks steuert der Münsteraner Tanzchef...

screenings

screening: moulin rouge
Das Moulin Rouge, gerade runderneuert (tanz 5/15), ist der traditionsreiche Amüsiertempel mitten in Paris, der Herren jeden Alters mit dem Anblick so schöner wie spärlich bekleideter Damen erfreut. Die noch dazu hinreißend tanzen. Aber was veranlasst Frauen im postemanzipativen Zeitalter, sich für die Kunst des Cancan zu schinden, barbusig...

gelsenkirchen: breiner, dawson, fonseca «b3 vertanzt»

Sieben Jahre ist «Hold Lightly» alt. Im Rahmen eines «Beethoven»-Abends des Kevin O’Day Ballett Mannheim entstanden, nahm die damalige Solistin des Stuttgarter Balletts das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll zum Anlass, «Zäsuren und Neuanfängen» nachzuspüren wie auch der «Frage nach dem Weitergehen und Zurücklassen und dem, was ihm folgt». Bridget Breiner stand seinerzeit...