Anna Dankova

Tanzakteure mit den besten Aussichten

Tanz - Logo

Drei Damen reiten auf einem aufblasbaren Springbrunnen, tanzen auf dem Rand des schwankenden Beckens, ringen miteinander in einer luftgefüllten, vier Meter durchmessenden Brunnenschale. In der zeitgenössischen Tanzkunst würde allein dieses Bild Applaus erheischen. Die bulgarische Choreografin Anna Dankova setzt Entscheidendes noch oben drauf. Ihre Tänzerinnen kauen knallrote Kaugummipastillen, die sie massenweise aus den Taschen ihrer Luftkisseninsel fischen, um sie bis zum Ersticken in sich hineinzustopfen. Ihre Münder werden voll, die Backen rund, die Augen groß.

Die zerkaute Plastikmasse bildet rote Zungen, wie bei Tieren. Genüsslich beißen die drei sich gegenseitig in die Schmiere, damit dem Publikum ein körperlicher Affekt aus wohligem Ekel widerfährt. Es sieht aufblasbares und zerkautes Gummi, es sieht den Aufmerksamkeits-Hit der Saison – böses Plastik. Und dieses Genussmittel dürfte mit das einzige Plastik sein, das überhaupt nicht recycelt werden kann. Man sieht das sorgsam choreografierte Ringen als Raff- und Habgier der nimmersatten Konsumentinnen, aber auch Golem, der dieser Wildheit den Titel gab. 

Dem Golem, einem Geschöpf aus der jüdischen Legende, nicht unähnlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 157
von Arnd Wesemann

Weitere Beiträge
Dario Tortorelli

Nach seiner Ausbildung in klassischem und zeitgenössischem Tanz in Italien und Frankreich zog Dario Tortorelli 2001 in die Niederlande. Hier arbeitete er u. a. mit den Choreografinnen Conny Janssen, Ann Van den Broek und Lucinda Childs sowie mit der Kompanie Introdans zusammen. Seit Beginn seiner eigenen choreografischen Tätigkeit und der Suche nach dem perfekten...

Digitale Heimat

«Im Dickicht der Städte» heißt ein frühes Drama von Bertolt Brecht, 1924 wurde es in Berlin aufgeführt. Regie führte Erich Engel, die Ausstattung besorgte der Bühnenbildner Caspar Neher. Dieser zeigte «Räume, von denen man nie so recht weiß, ob sie eigentlich Innenräume oder Straßen sind. Himmel und Luft sind mit Steinen zugebaut, und diese bröckeligen Wände sind...

Claire Cunningham

Sie ist eine Virtuosin. Auf Krücken. Sie ist hochspezialisiert und – beziehungsweise: weil – gehandicapt. Zwischen diesen Eckpunkten hat die schottische Performerin Claire Cunningham sich ihren eigenen -Aktionsradius geschaffen und ihren Blick auf die Welt kontinuierlich erweitert. Und den unseren als Zuschauer gleich mit. 

Anfangs zeigte sie auf der Bühne...