30 Jahre Mauerfall

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ist es schon wieder so weit? Sind nicht gerade erst 8000 weiße Ballons entlang der Grenze hochgestiegen? Nein – das ist geschlagene fünf Jahre her! Aber vielleicht fliegen die Dinger ja noch irgendwo, dann hätte man sich den aktuellen Event eigentlich sparen können. Denn dieses Jahr soll wieder was fliegen, und zwar 30 000 Botschaften von Berlinern und Berlinerinnen, die unter dem einfallsreichen Titel «Deine Vision im Himmel über Berlin» eine Art «Skynet» bilden sollen. «Skynet» kennt man ja noch aus den «Terminator»-Filmen.

Da übernehmen Maschinen die Kontrolle über die Erde und radieren die Menschen langsam aus. Ich finde, da hat das Hauptstadtmarketing wieder ganze Arbeit geleistet. Ansonsten hat Dieter Bohlen mit Roberto Blanco und Jürgen Drews schon am 3. Oktober in der Mercedes-Benz Arena die größten Hits der BRD geträllert. Leider am falschen Tag – aber hey! Was soll‘s – Hauptsache 4/4-Takt! 

Also nicht dass man mich falsch versteht: Ich halte die Wiedervereinigung eigentlich für gelungen. Aus Prinzip, denn irgendetwas Gutes muss die ganze Misere ja gehabt haben. Ich hab’s nur nicht so mit Nationen. Das sind mir dann immer zu viele Menschen. In einem mittleren Club dagegen so mit bis zu 400 Leuten fühle ich mich ziemlich wohl. Und tanzend im Club ist ja die eigentliche Wiedervereinigung passiert, zumindest in Berlin. Gemeinsam ging man erst ins UFO in der Großgörschenstraße und danach zu X.D.P. ins SEZ. Später dann ins E-Werk oder Tresor. Je nachdem, ob aus Ost oder West angetanzt, trank man Wodka Cola oder Cola Wodka. Wenn es dann noch gute Pillen aus Holland gab, haben sich alle untereinander gepaart. Dort habe ich eigentlich ziemlich lange getanzt. Mit Eve & Rave (e.V. zur Förderung der Clubkultur) haben wir versucht, ein Stück über Aids, Drogen und Techno zu machen. Das hat leider nicht geklappt, und ich bin in die zeitgenössische Szene gewechselt. Hier konnte man die Ostdeutschen an einer Hand abzählen. Als ich kurz hintereinander Foucaults «Sexualität und Wahrheit» und Agambens «Homo Sacer» vertanzt habe, runzelten die Gießener Theaterwissenschafts-Professoren schon gehörig die Stirn. So richtig warm miteinander geworden sind wir bis heute nicht. Der Konzepttanz hat die Szene dann übernommen wie die Treuhand die DDR. Bis sie sich davon erholt, wird es wohl noch zehn Jahre dauern. Inzwischen hoffen alle auf die Afrikaner, denn ganz ohne Hüfte geht es nicht. Oder wie es Roberto Blancos größter Hit verkündet: «Ein bisschen Spaß muss sein.»

Der Choreograf Christoph Winkler, 1967 in Torgau geboren, zählt zu den politischsten und produktivsten Tanzmachern der zeitgenössischen Szene

 


Tanz November 2019
Rubrik: Warm-up, Seite 1
von Christoph Winkler

Vergriffen
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