Der Song der Stille

Zum ersten Mal gestattete die berühmte Brüsseler Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker einem Tanzjournalisten, ihr bei der Arbeit zuzuschauen. «The Song» heißt das neue Stück, dessen Entstehung ballet-tanz exklusiv beobachten durfte. Aber kein Orchester spielt auf, keine Band, auch der CD-Player schweigt.

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«Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.» Das uralte Zitat von Karl Valentin liegt, in deutscher Sprache, auf dem Schreibtisch von Anne Teresa De Keersmaeker. «It’s a present from a friend», lächelt sie. Ganz offensichtlich von jemandem, der ihre Arbeit gut kennt. Denn nur auf wenige Künstler mag Valentins Bonmot so zutreffen wie auf die Gründerin der weltberühmten Rosas-Kompanie.

Was im Ergebnis auf der Bühne so spielerisch leicht, so spontan und frisch wirkt, wenn die Tänzer ihre spiralförmigen Bahnen ziehen, wird bei ihr bis ins letzte Detail und manchmal bis zur Erschöpfung geprobt. Eine halbe Sekunde hier, ein paar Zentimeter dort machen bei ihr schon einen Unterschied. Wenn alles stimmt, fließen Energie und Bewegung der Gruppe wie aus einem Guss. Eine Sekunde Verspätung könnte das Uhrwerk einer Szene durcheinanderbringen. Darum gilt bei ihr auch: «The organization of space makes the organization of time.»

Bei den Proben zu ihrem neuen Stück, «The Song», gibt es kaum Musik. «The Song»? Welcher denn? Die Stille der Bewegungen klingt wie die Suche nach dem Echo einer Zeit. In «The Song» forschen Körper nach den Schwingungen, die die Beatles mit einigen ihrer frechsten und ...

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Tanz Juli 2009
Rubrik: Anne Teresa De Keersmaeker, Seite 10
von Thomas Hahn

Vergriffen
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