Stephan Thoss: "Das Mädchen mit den Email-Augen"
Ein Märchenauge, wie es in der Kálmán-Operette «Die Zirkusprinzessin» heißt? Oder das «Trugbild der Lust», von dem später die Rede ist? Der Betrachter muss tief blicken, bevor sich auf seiner Netzhaut zwischen zwei Lidschlägen Wunsch oder Wirklichkeit widerspiegeln: durch eine riesige Pupille wie in eine Camera obscura, in deren schwarzem Gehäuse eine verpuppte Tänzerin sich schattenhaft um die eigene Achse dreht.
Ein Augen-Blick, der nicht nur die Perspektiven verkehrt, sondern die Geschichte von «Coppélia» etwas anders erleben lässt.
Im Auftrag des Choreographischen Theaters Johann Kresnik hat sich Stephan Thoss – nicht mehr Ballettchef in Hannover, noch nicht Ballettdirektor in Wiesbaden – Hoffmanns Erzählung angenommen und mit seiner Dramaturgin Anja von Witzler ein «Tanzstück» entwickelt, das sich trotz einiger Gemeinsamkeiten vom Ballett des Léo Delibes wesentlich unterscheidet. Nicht nach Galicien wird das Geschehen entrückt wie noch im Original von 1870. Vielmehr projiziert Stephan Thoss seinen Plot auf ein Publikum, das sich in seinem Schönheitswahn wie in einem Spiegel erkennt.
Zwei Männer stellt Thoss einander gegenüber. Der eine, Przemyslaw Kubicki, gramgebeugt und von ...
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