Akram Khan: «Giselle»

Produktion des Jahres: Sensationelle Wiederbelebung eines Klassikers – und sensationeller Erfolg für das English National Ballet

Tanz - Logo

In seinem Essay «Warum Klassiker lesen?» definiert der italienische Schriftsteller Italo Calvino jene Werke als «Klassiker», die sich aufgrund ihrer spezifischen Relevanz entweder als unvergesslich erweisen, oder die, aus den Tiefen des Gedächtnisses geborgen, als Äußerungen des kollektiven Unbewussten zutage treten. Calvino bezieht sich freilich auf die Literatur; seine Ausführungen lassen sich indes ebenso auf die anderen Kunstformen, also auch auf das Choreografieren, übertragen.

Und liefern uns womöglich die Antwort auf die Frage, warum auch «Giselle» zu den Klassikern gezählt werden darf: als Höhepunkt des romantischen Balletts, dessen Genialität sich in den zahlreichen Künstlerpersönlichkeiten widerspiegelt, die sich seiner angenommen haben; zugleich aber auch als «offenes Werk» im Sinne der Definition Umberto Ecos.

Möglicherweise haben die vom Sujet inspirierten Autoren – allen voran der romantische Dichter Théophile Gautier – das Arrangement bestimmter Komponenten des Werks sogar unbewusst einer gewissen Offenheit und Veränderbarkeit, oder anders ausgedrückt: einer persönlichen Deutungsfreiheit überlassen. Hat dieser Umstand damit zu tun, dass in ­«Giselle» gleich mehrere ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Die Saison 2016/17: The winners are ..., Seite 134
von Silvia Poletti

Weitere Beiträge
Sidi Larbi Cherkaoui

Aller guten Dinge sind drei: Nach 2008 und 2011 wird Sidi Larbi Cherkaoui abermals «Choreograf des Jahres». Dass er es irgendwann noch ein viertes Mal schafft, darf man mit Fug und Recht annehmen. Kein Choreograf ist derzeit weltweit so präsent wie der Belgier aus flämisch-marokkanischem Elternhaus. In seiner Geburtsstadt Antwerpen steht er heute sowohl der selbst...

Adolphe Binder

Eigentlich konnte dem Tanztheater Wuppertal nach der Zeit des Abschied- und Abstandnehmens nichts Besseres passieren als diese 47-jährige, mit allen Kunst- wie Verwaltungswassern gewaschene Managerin, Vernetzerin, Vorausblickerin als neue Frau an der Spitze. Sie ist informiert, ehrgeizig, arbeitsam, teamfähig, offen, flexibel und freundlich. Sie hat in großen...

François Chaignaud, Cecilia Bengolea

Warum gehören Cecilia Bengolea und François Chaignaud hierher, die doch frech alles an Tanzstilen zusammenrühren, was auf Straßen und in Clubs nicht bei drei in der Versenkung verschwunden ist? Genau deshalb, weil das im französischen Lyon beheimatete Choreografenduo einfallsreich durcheinander mixt, was scheinbar gar nicht zusammengehören kann – und weil die...