Dada Masilo «Hamlet»

Antwerpen on tour

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«Sein oder Nichtsein». Hamlet tritt ins Licht und rezitiert, von Geigenklängen begleitet, die wohl berühmtesten Verse der Theaterliteratur in schwarzem Smoking. Ein Klischee? Fühlt sich so an, und es werden noch einige weitere folgen, in den kommenden 70 Minuten voller Betrug, Liebe, Rache und Gewalt. Doch dafür entschädigt vieles in Dada Masilos jüngster Arbeit, die vergangenen Juli beim Wiener «ImPulsTanz» zur Premiere gelangte. Dieser «Hamlet» ist nicht darauf aus, Hardcore-Shakespearianer*innen zu gefallen.

Masilo hebt den Lieblingstitel westlicher Theaterdramaturgie vom Podest und legt ihn als düstere Geschichte neu auf: mit umwerfendem Tanz, gelegentlichen Gags und packender Live-Musik von Leroy Mapholo, Ann Masina und Mpho Mothiba. Zugleich wird die Tragödie auf ihre bildmächtigsten Szenen reduziert, wodurch die eigentliche Protagonistin des Dramas eine stärkere Stimme erhält: Ophelia, von Masilo persönlich getanzt. Die Titelfigur derweil wird gesplittet auf Leorate Dibatana und den Schauspieler Aphiwe Dike. Letzterer spricht denn auch einige der berühmtesten Monologe des Stücks – das kann man durchaus als fragwürdig erachten, da es bisweilen ohne Not den Fluss der Performance unterbricht. Zudem gewinnt man den Eindruck, das Rezitieren sei vor allem dem Bedürfnis geschuldet, den ikonischen Versen Reverenz zu erweisen. Denn die Story wird ja bereits eindrücklich von den fulminanten Tänzer*innen mit Leben erfüllt. Deren Körper bewegen sich in einem derart rasanten Tempo, dass sie bisweilen größer erscheinen, als sie eigentlich sind. Man könnte meinen, sie bezögen ihre Energie direkt aus dem Tanzboden, eine Energie, die sich unablässig wandelt in den Bewegungen von Becken, Rücken, Armen und Hälsen. Allein das ist spektakulär und unbedingt sehenswert. Doch dass Masilo mehr will, als nur mit dieser physischen Energie zu elektrisieren, macht die Szene deutlich, in der Gertrude (Albert Khoza) und Ophelia ihre Trauer angesichts des Mordes an Polonius miteinander teilen. Hier geht es der Choreografin ums Ausloten einer menschlichen Tragödie in ihrer unverstellten Roheit.

Am Schluss trinken alle aus dem vergifteten Becher und tanzen sich zu Tode, nur Ophelia ist noch am Leben und streut Blumen über die Leichen. Dann geht sie auf ein kleines Aquarium zu und ertränkt sich, indem sie ihren nackten Körper wäscht. Ein berührendes, schönes Bild. Sicher: In Shakespeares «Hamlet» mag noch viel mehr stecken, doch der frenetische Applaus ist wohlverdient. Aus dem Englischen von Marc Staudacher

Wieder in Antwerpen, deSingel, 3.–5. Okt.; www.desingel.be; New York City, The Joyce, 15.–20. Okt.; www.joyce.org; Dresden, Hellerau, im April 2025; www.hellerau.org


Tanz Oktober 2024
Rubrik: Kalender, Seite 27
von Plamen Harmandjiev

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