Foto: Joakim Roos
Adolphe Binder
Eigentlich konnte dem Tanztheater Wuppertal nach der Zeit des Abschied- und Abstandnehmens nichts Besseres passieren als diese 47-jährige, mit allen Kunst- wie Verwaltungswassern gewaschene Managerin, Vernetzerin, Vorausblickerin als neue Frau an der Spitze. Sie ist informiert, ehrgeizig, arbeitsam, teamfähig, offen, flexibel und freundlich. Sie hat in großen Institutionen und in einer kleinen Agentur gearbeitet.
Sie hat ihre Göteborger Kompanie auf die internationale Tanzkarte gebracht, indem sie für ihr innovatives und ungewöhnliches Tour-Modell viele wichtige Choreografen begeistern konnte – die, viel wichtiger, zum Teil sogar mehrere Arbeiten lieferten. Und sie liebt den Tanz, in vielerlei Ausprägungen, ist neugierig auf Begegnungen. Sie hat mit der lebenden Pina Bausch nie zu tun gehabt, weiß aber sehr genau, für was sie steht und wie man ihr komplexes Lebenswerk in Form von Stiftung und Truppe zu beider Gedeih weiterführen könnte.
Sie weiß, dass das Markenzeichen erhalten und unbedingt auch das Portfolio erweitert werden muss. Deutsche Tanztheater-Ikonen begegnen den kreativen Movern & Shakern der Rest-Tanzwelt. Das wurde (mit zu geringer Absprunghöhe und durchwachsenem Ergebnis) bereits einmal seit dem Tod der Prinzipalin versucht, dafür hat man zum Glück schon Lehrgeld gezahlt. Adolphe Binder tastet sich jetzt bei gleichzeitiger Tourneepräsenz mit zwei am Ende ihrer ersten Spielzeit liegenden, ein besseres Kennenlernen erlaubenden Premieren – die Tanzschöpfer deutlich anderen Ursprungs machen werden – an dieses faszinierende Experiment heran: Dem Wuppertaler Tanztheater eine Zukunft zu geben und gleichzeitig seine DNA zu schützen. Was das reichhaltige, zum Teil lange nicht gesehene Repertoire aus dem Bausch-Nachlass erlaubt. Und was die in den letzten Jahren nicht ausgelastete und mit viel hungrigem Talent aufgeforstete Truppe unbedingt braucht. Wir sind gespannt.
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 168
von Manuel Brug
Der junge Bailaor aus der Hafenstadt Cádiz straft alle jene Flamenco-Legenden Lügen, die besagen, dass man den Flamenco im Blut haben muss, oder noch besser in den Genen. In seiner Familie gibt es weit und breit kein einschlägiges Erbe. In seiner Familie interessiert man sich für Sport. Sein Bruder spielt in einem bekannten Fußballclub, und er selbst kam nur durch Zufall zum Tanz.
In den...
So lange sich Kunst – in unserem Fall Tanz und Performance – an jemanden richten soll, lebt sie in der Beziehung zu einem Anderen, der oder die erst die Intention des Kunstwerks vervollständigt. Die gegenwärtige Theater-Szene behauptet sich noch immer als ein Ort, wo Kommunikation, zumindest überwiegend, noch möglich ist. Welche alternativen Narrative oder Bilder können also Tanz und...
Das Theater braucht eine Struktur. Die sieht heute so aus: Entweder man arbeitet in der freien Szene, hangelt sich von Projekt zu Projekt, von Antrag zu Antrag, von Residenz zu Residenz, von Gastspiel zu Gastspiel, immer unsicher, immer unterbezahlt, immer anpassungsbereit. Oder man fügt sich in das System eines Stadttheaters. Auch dort gibt es Freiheiten, Möglichkeiten, Ressourcen,...
