Tanz den Staatsbankrott

Der Aufstand im Libanon verleiht der Kunst Flügel – und treibt sie nach Europa. Von Arnd Wesemann

Tanz - Logo

Monatelang, seit dem 17. Oktober 2019, haben die Menschen gegen ihre Regierung und die Zentralbank gekämpft, auf den Straßen von Beirut und in den Theatern entlang der Mittelmeerküste. Die libanesischen Bühnen riefen den Kulturstreik aus, schlossen ihre Häuser. Aktivisten pumpten braune Fäkalien an die weißen Wände der Regierungsgebäude. Es gab Tränen, wegen des Reizgases, bald auch aus Erschöpfung. Die Mieten, an den US-Dollar gebunden, stiegen für alle, die ihr Geld in Libanesischem Pfund verdienen.

Als sich der Wechselkurs kurz nach Ende der Straßenrevolten etwas erholte, hat man die Benzinpreise erhöht. 

Was ist geworden aus dem rebellischen Libanon, eingekeilt zwischen dem syrischen Krieg im Norden und dem Krieg mit Israel im Süden? Wie sieht es aus in Beirut, dieser internationalen Stadt, in der Künstler ausnahmslos als Solisten unterwegs sind, weil es Ensembles, geschweige denn Kollektive hier nicht gibt. Man hat viel gelesen über den Aufstand zwischen Party und Polizeiknüppeln. Zurück blieben die zerschlagenen Fensterscheiben heimischer Banken. Libanons Staatsanleihen genießen Ramschwert, nicht wegen des Aufstands. Das Land ist ausgeblutet durch Korruption, befördert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz April 2020
Rubrik: Report, Seite 50
von Arnd Wesemann

Weitere Beiträge
Tanzsymposium: Bewegte Welten

Regelmäßig veranstaltet das Mondstaubtheater in Zwickau Workshops und Fortbildungen mit thematischen Schwerpunkten. Dieses Mal werden «Bewegte Welten» illuminiert, in Form eines praktischen Tanzsymposiums, das sich «Tanz & Spiel in Pädagogik und Therapie» widmet. Fachleute sind eingeladen, sich beispielsweise über «Rituelle Strukturen und Elemente als Medium in...

Oldenburg: Antoine Jully «Vanitas»

Das Publikum schaut konzentriert Richtung Bühne. Und als der Vorhang sich hebt, sitzt da: das Ballettensemble des Staatstheaters Oldenburg. Und schaut konzentriert Richtung Pub-likum, streng, ernsthaft, ein wenig spöttisch. Ein Spiegel.

Der Spiegel ist ein zentrales Motiv des «Vanitas»-Gedankens: Er steht für die Vergänglichkeit des Schönen, auch für die...

Beethoven-Projekt

«Projekt», das ist ein seltenes Wort im John-Neumeier-Kosmos. Fragmente oder Skizzen gab es schon, 2018 kam das «Beethoven-Projekt» dazu. Hamburgs Langzeitballettdirektor bezeichnet es selbst als Zwitter und Unikum in seinem Œuvre. Ein Werk von weit über zwei Stunden Länge, kein biografisches Handlungsballett, obwohl Lebensstationen aufgerufen werden, und auch...