Tänzer des Jahres: Jan Casier
Bei Jan Casier springt das Besondere einer Bühnenfigur sofort ins Auge. Vergleichbar einem weichen Handschuh kehrt der belgische Tänzer das Innere einer Figur nach außen und lässt den Zuschauer am Offenbarten teilhaben. Diese Begabung prägt die Rollen, die er tanzt, auf unverwechselbare Art und Weise. Es war im Oktober 2013, in Christian Spucks Ballett «Woyzeck» am Opernhaus Zürich, und es war Liebe auf den ersten Blick: Zum jagenden Pulsschlag der Musik exponierte der Tänzer damals als Woyzeck das Bewegungsrepertoire eines Außenseiters mit beinahe autistischen Zügen.
In rasendem Tempo kreist Casier als Woyzeck um die eigene Achse, salutiert, spielt den Underdog in der sozialen Hackordnung, und offenbart dabei dessen Verletzlichkeit. Woyzecks Lebensdrama wird so in virtuoser Verdichtung sichtbar. Casier tanzt mit hängenden Schultern, eingezogenem Kopf und nach vorne gestrecktem Kinn. Er wird zum Ebenbild eines bedrückten Menschen, der schon zu lange eine unsichtbare Last auf den Schultern trägt, es allen recht machen will und sich dabei immer mehr von sich selbst entfremdet. Siegertypen sehen anders aus. Durch seine originellen eckigen Bewegungen unterscheidet sich Casier an ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Tänzer des Jahres, Seite 128
von Martina Wohlthat
Während die Direktorenposten des Londoner Royal Ballet und des Scottish Ballet weiterhin stabil und erfolgreich von Kevin O’Hare bzw. Christopher Hampson bekleidet werden, hat sich an der Führungsspitze des Birmingham Royal Ballet ein kleines Erdbeben ereignet. Dessen langjähriger Leiter David Bintley hat sich im vergangenen Sommer zum Rücktritt entschlossen, um...
Im stillen Teich, und das ist die italienische Tanzlandschaft, war der einzige Stein, der das Wasser kurz in Wallung brachte, die Vergabe des «Goldenen Löwen» auf der Biennale von Venedig für die Lebensleistung des 43-jährigen Choreografen Alessandro Sciarroni. Der Italiener darf sich somit einreihen in die illustre Liste von Preisträgern, auf der Merce Cunningham...
Die erstaunlichste Premiere der vergangenen Saison war «The Winter‘s Tale» von Christopher Wheeldon und Joby Talbot am Moskauer Bolschoi: Die am Royal Ballet London 2014 uraufgeführte Produktion hat zwar den Original-Aufbau und die Erzähl-linien beibehalten. Aber zugleich wurden Dutzende von Veränderungen – von szenischen Akzenten bis hin zur musikalischen...
