salome
Die Orgien sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: Vor über 100 Jahren entfesselte Mikhail Fokine in «Scheherazade» einen rauschhaften Tumult, heute rutschen Ballettorgiastiker in Sado-Maso-Kunstleder aufeinander herum und beißen gemeinsam in einen roten Apfel. Diese recht aufgesetzt wirkende Skandalnummer mit dem Yuppie-Hofstaat gibt in der Stuttgarter «Salome» die Folie ab für ein junges Mädchen im schwarzschillernden Spielanzug, das unverwandt auf der schwarzen Treppe sitzt und sich bei den erotischen Ausschweifungen seiner Eltern langweilt.
Burschikos wirkt diese Salome mit ihren kurzen Haaren, sie könnte auch ein Lustknabe sein – und ihr dekadenter Stiefvater Herodes, der aus dem Rollstuhl nach ihr geifert, könnte in seinem purpurroten Samt-rock glatt als Oscar Wilde durchgehen. Der schwule Dichter war der Autor des Einakters, den Demis Volpi für sein zweites Stuttgarter Handlungsballett adaptiert hat. Er zeigt die biblische Tänzerin, die erst Wilde und der Exotismus des Jugendstils zum Symbol der mörderischen Verführung gemacht haben, als verzogenes Gör aus reichem Haus. Aus unbekannter Höhe steigt Salome die bühnenbreite Treppe herunter, die nächtliche Terrasse des ...
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Tanz Juli 2016
Rubrik: produktionen, Seite 10
von Angela Reinhardt
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