Resonanz
Athanasius Kircher entdeckte 1650 auf einem Fest in Mainz eine Laute, die ungenutzt an der Wand hing. Ihre Saiten, obwohl völlig unangetastet, erzeugten genau die Töne mit, die andere gerade gezupften Lauten spielten. Dieses physikalische Phänomen beschrieb er als «Sympathiesaiten» – gleiche Frequenzen bringen auch unberührte Saiten in Schwingung.
Anhand dieses Phänomens entwickelt wenige Jahre später Jean-Philippe Rameau eine ganze Theorie der Sympathie, des Mitschwingens von Tönen und des Auslösens von Affekten beim Zuhörer, deren Schwingungen den ganzen Leib erreichen und der dadurch, wenn er will, zu tanzen beginnt. Oder zu weinen. Oder zu lachen.
Im Raum entsteht eine Schwingung, die andere schwingfähige Systeme in Bewegung versetzt. Der menschliche Körper ist so ein schwingfähiges System, ebenso wie der Schwingboden auf der Bühne oder die Resonanzdecke über dem Orchestergraben. Das ganze Theater im 19. Jahrhundert war laut Theodor Visher ein solch akustisch gedachtes, geschlossen schwingendes System, ein Ort, um Menschen «frei vom Druck des Zufalls und des Bedürfnisses» (also ohne Ablenkung) in die Kunst einzuschließen. Opern- und Konzerträume wurden dunkel und fensterlos, ...
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