Rehab
Als Steven McRae 2019 mitten in einer «Manon»-Vorstellung zusammenbrach, hielt das Publikum im vollbesetzten Saal des Londoner Royal Opera House gespannt den Atem an. Der fatale Achillessehnenriss vor vollem Haus hätte das Karriereende des Balletttänzers bedeuten können. Stattdessen war er Auslöser einer tiefgreifenden psychologischen Transformation und einer triumphalen Rückkehr auf die professionelle Tanzbühne – angeleitet und begleitet von der unsichtbaren Kraft hinter so vielen spektakulären Comebacks beim Royal Ballet: Psychologin Britt Tajet-Foxell (S. 61).
Ihre Unterstützung hat den Berufsweg von Steven McRae maßgeblich beeinflusst und geprägt. Spricht man mit dem Tänzer, so wird einem nicht nur die physische Dimension seiner Rückkehr als aktiver Profitänzer bewusst, sondern auch das Ausmaß der mentalen Resilienz, die das erforderte.
Gleich wichtig: mentale und physische Aspekte
«Keine Verletzung ist angenehm», sagt er. «Ziehst du sie dir im Studio zu, dann ist das immerhin noch eine relativ private Angelegenheit. Passiert sie jedoch mitten in der Vorstellung vor 2500 Leuten, dann wird daraus eine öffentliche Genesungsgeschichte.» Anfangs hat McRae den Riss gar nicht als Trauma empfunden. Mit dem Begriff assoziierte er die Erfahrungen von Soldaten oder Notfallchirurgen, nicht aber die von Tänzern. Erst Britt bewirkte bei ihm eine veränderte Wahrnehmung. «Sie half mir dabei zu verstehen, dass Trauma in vielerlei Gestalt daherkommt, und erst wenn man das begriffen hat, kann man den Weg nach vorn antreten. Mich wieder dem Spiegel zu nähern, der Stange, ja selbst dem normalen Gehen – ich musste mich da quasi komplett neu verkabeln. Der mentale Aspekt der Genesung wurde genauso wichtig wie der physische.»
McRae erinnert sich an das extreme Unbehagen, das er bei der Rückkehr ins Studio empfand. «Diesen Körper anzuschauen, der sich nicht mehr wie meiner anfühlte … Ich musste mir da regelrecht ins Hirn hämmern: ‹Brust raus, Schultern zurück, geh ganz normal.› Wir mussten die richtigen Werkzeuge finden, um die Botschaften neu zu verkabeln, die mein Hirn aussandte, anstatt dass ich jeden Morgen die Augen öffnete und gedanklich schon den Schmerz antizipierte. Britt half mir dabei, die Angst durch Funktionalität zu ersetzen – den Schmerz nicht auszulöschen, sondern durch ihn hindurchzugehen.»
Philosophie der Offenheit
Doch der Druck, den McRae spürte, war nicht nur ein innerer. Mit drei Kindern und einer Familie, für die er zu sorgen hatte, war die Rückkehr zur Erwerbsarbeit äußerst dringlich. «Das wog schwerer für mich als mein Wunsch, wieder zu performen», räumt er ein. «Die Arbeit mit Britt half mir zu erkennen, dass wir solchen Druck nicht einfach eliminieren können – aber darüber sprechen, das können wir. Und das nimmt ihm einiges an Macht.» Einen seiner hilfreichsten Durchbrüche erlebte McRae, als er seine Ängste laut aussprach. Bevor er in «Cinderella» wieder auf der Bühne stand, sagten ihm wohlmeinende Kolleg*innen, wie aufgeregt er doch sein müsse. In Wahrheit hatte er Angst. «Das sagte ich dann auch: ‹Ich habe Angst, ich hab zwar an mir gearbeitet, aber ich habe Angst.› Zuerst wussten die Leute nicht, wie sie darauf reagieren sollten, ich aber fühlte mich am nächsten Tag leichter. Ich hatte es rausgelassen. Ich musste niemandem etwas vormachen. Und als ich dann auf die Bühne trat, war ich entspannter – und meine Kinder sahen mir von der Seitenbühne aus zu. Schon allein deshalb hatte sich das alles gelohnt.»
Es ist diese Philosophie der Offenheit, der Normalisierung mentaler Belastungen und der Notwendigkeit geistiger Selbstfürsorge, die auch McRaes preisgekrönten Dokumentarfilm «A Resilient Man» grundiert. Weit davon entfernt, ein Prestigeprojekt oder eine Liebeserklärung an das Ballett zu sein, betrachtet McRae seinen Film als Solidaritätsbekundung, Identifikationsangebot und Anregung zu weiteren Gesprächen. «Ob man nun eine Achillessehnen-Rekonstruktion hinter sich hat oder einfach nur mal eine Woche pausieren muss, um einen schmerzenden Zeh zu schonen – das Ausmaß der Verletzung spielt überhaupt keine Rolle. Verletzungen sind eine unvermeidliche Begleiterscheinung unseres Berufs, und Britt hat mir beigebracht, dass Ehrlichkeit und Offenheit wirkmächtige Werkzeuge für ihre Überwindung sein können.»
Auch außerhalb des Kontextes von Verletzungen hat Tajet-Foxell in McRaes frühen Jahren beim Royal Ballet eine wichtige Rolle gespielt. McRae war als 18-Jähriger von Australien nach London gezogen, war allein, hatte Heimweh und stand unter immensem Druck, sich beweisen zu müssen. «Ich hatte seit meiner ersten Londoner Saison mit Britt zu tun. Damals war die Ballettkultur weitaus hierarchischer: Bekam man bereits als junger Tänzer eine Rolle, war man automatisch ‹der Feind›. Ich fühlte mich verletzlich, aber zugleich unglaublich angetrieben. Britt half mir dabei, diese beiden Zustände gleichzeitig auszuhalten und mich von da aus weiterzuentwickeln.» Seine ganze Karriere hindurch arbeiteten die beiden nicht nur am Umgang mit Verletzungen, sondern auch an den Themen «Lampenfieber», «Rollenvorbereitung» und «mentale Blockaden». «Manchmal ging es auch einfach nur darum, mir bewusst zu werden, wenn ich in ein ungünstiges Mindset hineindriftete – und dann zu lernen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Sie gab mir dazu die Mittel an die Hand.»
McRae beschreibt den Moment, als er nach seiner Operation endlich wieder ans Royal Opera House zurückkehrte. Er hatte das Gebäude nicht mehr betreten, seit ihm darin die Achillessehne gerissen war. «Britt sagte mir, ‹Du musst dich wappnen – die Leute werden mit dir reden wollen und dir Fragen stellen. Am besten, du gehst damit um, als wenn du ein Politiker wärst. Präge dir drei Sätze ein: Mir geht es gut; ich freue mich, wieder hier zu sein; ich muss jetzt ins medizinische Zentrum.› Ich wollte nicht kalt oder distanziert wirken, aber mit diesen Sätzen konnte ich tatsächlich meine Kräfte schonen. Andernfalls hätte ich jeder einzelnen Person mit jeder Antwort ein Stück meines Herzens gegeben und wäre am Ende des Tages emotional total am Ende gewesen.»
Verfügbarkeit ist ein weiterer Schlüsselfaktor in Tajet-Foxells Arbeit. Dem medizinischen Dienstplan der Compagnie ist zu entnehmen, wann sie für die Tänzerinnen und Tänzer direkt erreichbar ist. Termine können persönlich vereinbart werden oder telefonisch für diejenigen, die sich nicht dem Stigma aussetzen möchten, dabei «gesehen» zu werden, wie sie psychologische Hilfe aufsuchen. «Ich denke, die Leute fassen die Themen ‹Verletzung› und ‹psychische Gesundheit› immer noch mit Samthandschuhen an», sagt McRae. «Aber das alles gehört zu unserem Job dazu. Manchmal trainierst du jeden Abend und hast Vorstellungen, und manchmal bist du eben in der Reha. Das ist der Kreislauf. Wir müssen begreifen, dass das normal ist.»
Dass dieses Ethos auch ganz oben praktiziert wird, ist ungemein wichtig. McRae ist seinem Ballettchef Kevin O’Hare dankbar dafür, dass der sich für das Wohlbefinden der Tänzer*innen einsetzt und sie ermutigt, ihrer Gesundheit Priorität einzuräumen. «Es liegt eben auch in unserer Verantwortung als Tänzerinnen und Tänzer, die Hilfsangebote zu nutzen, die uns zur Verfügung stehen – und nicht damit zu warten, bis wir uns kaputt fühlen. Die Vorstellung, man sei schwach, wenn man jemanden wie Britt aufsucht, ist doch völlig absurd. Das Gegenteil ist der Fall. So wie man sich physisch fit hält, muss man auch mental auf sich Acht geben. Die Seele ist wie ein Motor, der unablässig im Hintergrund läuft und alles beeinflusst, was wir tun. Wir müssen darauf achten, ihn regelmäßig zu überprüfen. Alles hängt doch mit allem zusammen: Körperliche und geistige Gesundheit wirken sich unmittelbar aufeinander aus. Es muss, denke ich, noch einiges getan werden, um das Stigma aus der Welt zu räumen, das mit der Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Hilfe verbunden ist.»
Sich vergleichen? Pure Kraftverschwendung!
Auf die Frage, welchen Rat McRae seinem jüngeren Ich geben würde, antwortet er ohne zu zögern: «Mach dein eigenes Ding. Verschwende keine Energie darauf, deinen Weg mit dem von jemand anderem zu vergleichen. Ich sage oft zu jüngeren Tänzern: Stell dir mal so einen Schutzkragen vor, den Hunde tragen, wenn sie vom Tierarzt kommen. Beim Ballettunterricht hab ich mir immer vorgestellt, ich würde so einen tragen. Ab und an hab ich den Kopf gesenkt und einen Blick über seinen Rand riskiert, um mich kurz anregen zu lassen. Dann aber hab ich mich gleich wieder hinter ihm versteckt. Hätte ich das nicht getan, ich hätte mich in Vergleichen verloren und keine Kraft mehr gehabt, um mich persönlich weiterzuentwickeln.»
Er muss kichern, als er sich an die Riege erinnert, die während seiner ersten Wochen beim Royal Ballet an der Stange stand: «Sylvie Guillem, Darcey Bussell, Tamara Rojo, Carlos Acosta … mal ehrlich jetzt. Welch Launen der Natur! Ich musste wirklich darauf achten, dass meine Ehrfurcht nicht in Selbstzweifel umschlug. Mein Weg sollte niemals so aussehen wie der von ihnen. Es sollte mein eigener, ganz besonderer Weg werden – und genau darum geht’s doch.» Aus dem Englischen von Marc Staudacher
Tanz Oktober 2025
Rubrik: Praxis, Seite 58
von
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