münster: Hans Henning Paar: «Lulu»

Wenn Lulu Dr. Schön, den Mann ihres Lebens, an sich binden will, streift sie ihren Slip ab. Der Redakteur zieht ihn ihr empört wieder hoch. Sie lässt ihn wieder runter. Bis das Weib seinen Willen bekommt: Schöns Braut verzieht sich, er heiratet Lulu. Für den Münsteraner Tanztheaterchef Hans Henning Paar ist Lulus Höschen choreografisches Spielzeug. Wenn es sich wie ein Gummiband zwischen den Knöcheln spannt, lässt sich damit tänzerisch arbeiten. Als Requisit wird es gefährlich: Lulus Liebhaber erhängt sich damit, und Dr. Schön wird seine untreue Ehefrau damit knebeln.

Für seine Version von Frank Wedekinds «Lulu – eine Monstretragödie» greift Paar zu überdeutlicher Symbolik. Auch der abgelutschte Apfel als Prophezeiung des Sündenfalls geistert durch das Stück. Tiefpunkt sind großformatige Fotos im Atelier des Malers Schwarz – Lulus Liebhaber und späterer Ehemann – mit unbekleideten, weiblichen Geschlechtsmerkmalen, pseudo-schamhaft mit einer Hand verdeckt.

Ist das flach. Und so schade. Denn Hans Henning Paar wollte der Lulu-Figur auf den Grund gehen und in die tieferen Schichten ihrer Gefühlswelt eindringen, wie es einst Peter Zadeks legendärer Inszenierung mit der ebenso legendären ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 40
von Bettina Trouwborst

Weitere Beiträge
jacopo godani

Man stelle sich diesen Vorgang in irgendeiner anderen Kunstsparte vor: Joanne K. Rowling hat beschlossen, keine Fortsetzung von Harry Potter zu schreiben. Da fasst sich Cornelia Funke ein Tintenherz und schreibt die Serie weiter. Daniel Barenboim dirigiert nicht mehr das West-Eastern Divan Orchestra, fortan hebt Ingo Metzmacher den Stab. Neo Rauch lässt den Pinsel...

westfenster

Wer in den 1970er-Jahren in Berlin nach zeitgenössischem Tanz suchte, der blieb ohne Erfolg. Tanz – damit assoziierten die Einwohner der geteilten Stadt: klassisches Ballett, Tatjana Gsovsky und Opernhaus. Die letzten Impulse der deutschen Tanz-Avantgarde hatten sich verflüchtigt, das Essener Folkwang-Studio lag in weiter Ferne, und die «Internationale...

luzern: Fernando Melo: «Don Juan»

Don Juan kann nicht anders. Wo immer er steht und geht, wird er befingert und befummelt – warum sollte er da nicht mal zugreifen? Samuel Déniz Falcón tut dies in Fernando Melos Luzerner «Don Juan» ein paarmal, obwohl er weniger Draufgänger als Drauf-Gestoßener ist. Verführen, ja, das will er und das kann er. Die eigentliche Sache dagegen scheint ihn nur vage zu...