an der quelle
Wer sich zutrauen würde, eine Geschichte des zeitgenössischen Tanzes zu schreiben, käme schnell zur Erkenntnis: Es gibt keine richtige Reihenfolge. Es scheint unmöglich zu sagen, auf Choreograf X folgte Choreografin Y. Was in einem Stadttheater noch gültig zu sein scheint – nach Youri Vámos in Düsseldorf kam Martin Schläpfer – ist dennoch ungültig, denn Schläpfer war schon damals da, nur anderswo, und das zeitgleich mit Hans van Manen, zeitgleich mit Jacopo Godani, Benjamin Millepied und den meisten anderen in diesem Heft auch.
Im Zeitgenössischen steckt eine Gleichzeitigkeit, die es unmöglich macht, Geschichte als strenge Erbfolge linearer Führungswechsel auszumachen. Wir leben alle mit denselben strukturellen oder politischen Problemen: strikt nebeneinander. Mal steht Martin Schläpfer in der Zeitung, mal Hans van Manen. Jetzt tanzt Schläpfer van Manen (Seite 16), also stehen beide in der Zeitung, weil sie miteinander arbeiten. Auch Meg Stuart taucht nicht nach oder vor Sasha Waltz auf; die beiden Choreografinnen teilten sich schon in ihrer Tänzerzeit ein Apartment in New York – und stehen nun zusammen auf der Bühne, in Peter Pleyers Denkspielen zum Zeitgenössischen, die er ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz November 2014
Rubrik: editorial, Seite 1
von
Die Zeit läuft ab. Unerbittlich. Bevor noch ein einziger Ton des «Mozart Requiem» erklingt, das dem relativ kurzen Memorial des Leipziger Balletts den Namen gibt, ist allein das unerbittliche Ticktack einiger Metronome zu hören. Schwarz ist der Raum von Andreas Auerbach, eine Totenkammer, erhellt einzig von einem doppelten Neon-Rahmen. Darunter Tänzer und...
Ständig angefeuert, jetzt urplötzlich brutal zurückgepfiffen: So kritisch, so feindselig hatte Dada Masilo sich das Echo auf ihr zweites Turbo-Ballett nicht vorgestellt. Allerdings geht es um «Carmen», und was soll dieser heißblütige Stoff anderes auslösen als einen Orkan der Leidenschaft? Zuletzt hatte es für Masilos «Swan Lake»-Version Jubelstürme gegeben, mit...
Meg Stuart und Sasha Waltz, Auge in Auge: Sahen wir je zuvor, dass eine ihre Chinos fallen lässt und sie der anderen hinüberwirft? Wie eine der anderen folgt beim Tausch der Slips, Shirts, Duftnoten? Haben wir je beobachtet, wie sie die Blicke eines aufgekratzten Publikums aufs nackte Fleisch aushalten? Minuten später stehen beide noch immer Front zu Front, aber...
