Der Mond über Judäa, er leuchtet nicht. Nicht mal ein Blinzeln ringt er sich ab. Aber wie auch? Das Reich des Herodes liegt in einer hässlichen Unterweltstadt, am Rand der Zivilisation. Der Tetrarch herrscht in diesem Sündenpfuhl wie sein mythischer Vorfahre Pluton, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht die Totengeister um ihn herumkriechen, sondern skurril kostümierte Menschenmonster – Abschaum einer Gesellschaft, deren größte Vergnügungen Vergewaltigung, Folterung und Mord sind. Noch während der schwerverliebte und -bewaffnete, in einer schwarzen Kampfmontur steckende Narraboth (Tansel Akzeybek) mit glühender Emphase die Schönheit der Prinzessin Salome besingt, werden blutverschmierte, nackte (Puppen-)Leichen aus dem (durch eine Fensterfront begrenzten, in die massiven Quader hineingeschlagenen) Partyraum heraus und eine eiserne Treppe hinab auf ein felsiges Quadrat getragen, wo sie ein dreiköpfiges, in polyesterdicke gelbe Sicherheitsanzüge gewandetes Entsorgungskommando in Empfang nimmt und in eine Grube schüttet. Humanabfall, mit einem Pulver bestreut, das den abscheulichen Verwesungsgeruch zumindest partiell eindämmen soll. Lydia Steier begnügt sich bei ihrem Debüt an der Pariser Bastille-Oper in Strauss’ «Salome» nicht damit, eine degenerierte Gesellschaft zu zeigen. Für die amerikanische Regisseurin reicht das Grauen tiefer, bis zu Sodom und Gomorrha, bis zum absoluten Sündenfall. Steier zeichnet das Porträt einer Gruppe von (Un-)Menschen, die gottlos, gierig und gewalttätig sind, ohne einen Hauch von Anstand. In ihrer Welt, die Momme Hinrichs in ein starkes Bühnenbild fasst, regiert der pure Nihilismus, dominiert animalische Brutalität. Nichts ist zu spüren von Feuerbachs humanistischem Ideal, wonach der Mensch der Gott des Menschen sei – Steier hält es diesbezüglich mit Thomas Hobbes: Homo homini lupus. Als Häuptling dieser Verwahrlosten fungiert Herodes.
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