Frei ab 16
Jasmine Morands «Mire»
Zuschauertribüne? Ein Relikt aus der Steinzeit des Theaters. Mit den Räumen verwandeln sich die Perspektiven des Zuschauers. Also raus aus der Komfortzone, rein in die voyeuristische Position: Vorbei geht es an verdeckten Stuhlreihen und auf Socken oder barfuß, sich langsam vorantastend, auf die Bühne im tanzhaus nrw. Dort liegen sternförmig angeordnete, dünne Matten bereit. Rücklings also, gebettet um die Akteur*innen der choreografischen Installation, erlebt das Publikum Jasmine Morands einzigartige Spiegelkunst «Mire» (deutsch etwa: Spiegelbild). Wir sind mittendrin und Teil des Ereignisses.
Oben, am Bühnenhimmel, schwebt ein riesiger Spiegel. Er zeigt ein Zwölfeck und darin die Reflexion menschlicher Kometen, sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer, wie Gott sie schuf. (Vermutlich ob der Nacktheit wird die Performance erst ab 16 Jahren empfohlen.) Diese faszinierenden Körper-Ornamente formen ein Kaleidoskop: In perfekt synchroner Geometrie entstehen und vergehen Bilder, die mal an sich öffnende und schließende Blüten erinnern, dann wieder an menschliche oder tierische Wesen auf der Suche nach Nähe. Auf der Seite gekrümmt liegend, ähneln die Kunstfiguren Embryos. Wenn sie sich in ihrem Zwölftel-Eck bewegen, wirken sie wie winzige Insekten in einer Blume. Sie reichen einander die Hände, bilden einen Reigen, eine Sonne, gleiten von einer Haltung in die nächste. Hypnotischer Sound, rhythmisiert vom leisen Atmen der Künstler*innen, erzeugt eine immer tiefere Ruhe. Eine Lichtregie, die farbige und Schwarz-Weiß-Effekte erzeugt, perfektioniert die stupende Schönheit von Körper und Form. Ein Sinnbild von Frieden und Harmonie. Die Individualität der Tänzer*innen geht, wie die Biene in einem Schwarm, völlig unter. Der Leib in seiner Nacktheit ist ein durch die Natur inspiriertes, reines, serielles Objekt. Die Schweizer Choreografin hat die Mitglieder ihres Ensembles Prototype Status in «Mire» zu einem lebendigen Fresko aus Haut arrangiert und mit raffinierter Spiegeltechnik zu einem visuellen Kunstwerk erhoben. «Mich fasziniert das Handwerk der Erschaffung einer perfekten Illusion», erklärt Jasmine Morand ihre Beweggründe, eine derartige Tanzperformance zu kreieren. Sie bezieht sich auf Platons Höhlengleichnis: Auch darin nimmt das Publikum die Perspektive des Beobachters einer Realität ein, die in Wahrheit nur eine Projektion ist. Anders als bei Platon sieht es hier kein Schattenbild an der Höhlenwand, sondern eine Spiegelung an der Bühnendecke – auf der nicht nur die Tanzkünstler*innen, sondern auch die Betrachter*innen selbst zu sehen sind.
Den gesamten Beitrag von Bettina Trouwborst lesen Sie in tanz 12/22