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Auf Augenhöhe

Laudatio zur Verleihung des Bochumer Theaterpreises an Gina Haller

Wer über Gina Haller redet, muss über Ophelia reden beziehungsweise von der Ophelia, die sie nicht gespielt hat. Die berühmteste Wasserleiche der Weltliteratur ist schon von vielen großen Schauspielerinnen zu retten versucht worden, aber das Risiko, dabei selbst im feuchten Grund weiblicher Klischees zu versinken, hat sich oft genug gerächt. Die junge Frau, die ihren Geliebten nicht mehr versteht und dann aus Enttäuschung ins sprichwörtliche Wasser geht, wie das Stück in aller Regel verstanden wird, klingt mehr nach Rosamunde Pilcher als nach Shakespeare.

Die Frau als erstes Opfer ihres Begehrens – Gina Haller hält sich damit in Johan Simons’ Inszenierung gar nicht erst auf. Sie verweigert die Zumutung, indem sie sich Hamlet-Freund Horatio gleich zusätzlich einverleibt und gemeinsam mit ihm eine neue Figur kreiert. Ihre Ophelia wird dadurch kein verliebtes Girlie, dem der prinzliche Liebesentzug den Boden unter den Füßen wegzieht, sondern eine robuste, gern groteske, dabei ziemlich witzige und absolut streetwise Person, die ohne alle Schnörkel mit Freund:in Hamlet auf Augenhöhe intimvertraut unterwegs ist. Mit rasiertem Schädel, dem hellen Kleid über der dunklen Anzughose, immer in Bewegung und um keinen gestischen Kommentar verlegen, wirkt sie psychisch deutlich stabiler – und erheblich vitaler – als Hamlet. Seine/ihre Zurückweisung – «Geht in ein Kloster (...)» – trifft sie nicht weniger existenziell, schließlich verabschiedet sie ihr bester Freund. Ihr vermeintlicher Selbstmord erscheint dann mehr ein Unfall als eine Kapitulation: Die Schilderung ihres Todes übernimmt sie folgerichtig selbst. Und hier ist der Text wörtlich genau gelesen, ohne deutsch-romantische Verklärung: ins Wasser gestürzt und ohne intaktes Gefahrenbewusstsein von den Kleidern in die Tiefe gezogen. Angstfrei gestorben. So nüchtern kann man Shakespeare lesen. Er war eben nicht zwangsläufig der Frühromantiker, zu dem ihn Goethe, Schiller und Nachfolger machen wollten.

Den gesamten Beitrag von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 12/22