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Transition

Der Schauspieler Paul Zichner

In Paul Zichner reift seit vielen Jahren ein Plan. Schon mit sieben, acht Jahren ist ihm bewusst, dass er eine Geschlechtsdiskrepanz zwischen Körper und Selbst empfindet. Mit 13 fängt er an, sich im Internet zu informieren. «Damals kam ich mir wie ein Freak vor. Aber inzwischen hat sich wahnsinnig viel getan. Wenn du heute auf Instagram #ftm eingibst, siehst du Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die durch denselben Prozess gehen.» Im Lauf der Zeit tauchen Vorbilder auf wie der Sportler Balian Buschbaum, das Model Benjamin Melzer oder der Performer Tucké Royale, die Zichner vor Augen führen, «dass sie aus eben diesem Schicksal die Konsequenzen gezogen haben». Hilft am Ende wirklich nur der Totalumbau, die lebenslängliche Hormonspritze?

Seine Kollegin Bettina Hoppe erzählt von privaten Gesprächen, in denen sie Paul gefragt habe: «Du kannst doch auch als Frau mit Frauen zusammensein und Kinder haben, wo ist das Problem?» Sie habe «die Person, die Paul vorher war, in ihrer Ambivalenz total anziehend» gefunden, «deshalb war meine Reaktion eher: ‹Hey, muss das denn sein?› Darauf meinte er: ‹Sorry, ich bin aber keine homosexuelle Frau, ich bin ein stinknormaler Typ, der auf Frauen steht! Ich will nur meinen Beruf machen, heiraten, Kinder kriegen, ich bin nicht wahnsinnig queer› – das habe ich dann auch irgendwann verstanden».

Als Oliver Reese Paul Zichner anbietet, mit ans Berliner Ensemble zu wechseln, steht für den Schauspieler fest, dass er den «Riesenprozess» der Geschlechtsangleichung, englisch «transition» genannt, durchlaufen und seinen 30. Geburtstag geoutet feiern will. Doch es ist beileibe keine leichte Entscheidung. «Obwohl ich ganz genau wusste, dass ich dieses Ziel erreichen will, obwohl ich mich so sehr danach gesehnt habe, war die Angleichung für mich ein unvorstellbarer, absurder Vorgang. Die Ummorphung eines Körpers, so habe ich das damals genannt. Ich hatte extreme Angst vor den Operationen, vor den sozialen Konsequenzen: Verliere ich meinen Job, wie geht das Arbeitsumfeld damit um, wie soll ich das als Schauspieler schaffen? Ich stehe mitten im Berufsleben, spiele in mehreren Inszenierungen, probe neue ... und nebenbei soll ich meinen Personenstand ändern, Operationen beantragen und durchziehen, einen Stimmbruch durchleben? Du stehst vor einem riesigen Fragezeichen und weißt gar nicht, was da alles auf dich zukommt. Das sind schon große Existenzängste auf allen Ebenen. Daran, dass ich das trotzdem anging, lässt sich im Gegenzug aber auch der Leidensdruck ablesen.»

Das gesamte Porträt von Eva Behrendt lesen Sie in Theater heute 12/2022