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Rezensionen Dezember


Bekim Latifi, 
Foto: Krafft Angerer

Sivan Ben Yishai: «Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)» in München

Regisseurin Pinar Karabulut hat Sivan Ben Yishais neues Stück «Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)» auf der großen Bühne der Münchner Kammerspiele als queere Science-Fiction-Revue in drei Runden inszeniert. Verbal geht es um Gewalt, Vergewaltigung, Mord und missbrauchte Körper. Gezeigt wird nichts von den geschilderten Erlebnissen, dafür mitreißend gesungen, posiert und getanzt. Dass es trotzdem auf der Homepage eine Triggerwarnung gibt, der Abend enthalte «viele Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und re-traumatisierend wirken können», ist Teil der Strategie, nicht zu beschönigen, dass auch das zum Geschäft gehört.

Zu wissen, dass sie aus dieser Nummer so leicht nicht rauskommt, darin liegt die wütende Klugheit von Ben Yishais feministischer Selbstreflexion: «Trigger-Warnungen verkaufen sich, (...) zwinker zwinker », heißt es später im Text, «also nur um ehrlich zu bleiben – selbst wir handeln mit unserem Blut, / selbst wir handeln mit unseren Geschichten, / zur Hölle damit, / zur Hölle mit uns.»

Dabei ist Ben Yishais Stück natürlich weit mehr als eine detailfreudige Bestandsaufnahme sexualisierter Gewalt, patriarchaler Abwertungsrhetorik und physischer Erniedrigung zwischen Fremden und Freunden, in Partnerschaft oder Familie. Als Urszene wird der Überfall Poseidons auf Medusa im Tempel der Athene zitiert, die daraufhin zur Strafe das Opfer in ein Monster mit Schlangenhaaren und versteinerndem Blick verwandelt. Man mag darin einen frühen Fall von Victim Blaming erkennen – sicher keine besondere Überraschung bei der unverhohlen misogynen Disposition der antiken Gesellschaftsordnung. Welches Gift aber wirkt bis heute in den Köpfen der Opfer, und wo schreiben sie mit am Mythos des schwachen Geschlechts, das sich immer noch männliche Beschützer und Kümmerer imaginiert?

Die gesamte Rezension von Silvia Stammen lesen Sie in Theater heute 12/21