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Edle Häßlichkeit

Die legendäre Sängerin Pauline Viardot

Diese Frau mit dieser urgewaltig-kraftvollen, dramatisch ausdauernden, ja, beinahe gutturalen Stimme (die Camille Saint-Saëns mit dem «Geschmack bittersüßer Orangen» vergleicht), einer außergewöhnlich breiten Tessitura und schier unglaublichen Bühnenpräsenz, diesem wundersamen Glanz von innen, verzaubert sie sämtlich. Pauline Viardot-García. Über ihr Äußeres ist viel gesagt worden. Wenig davon war charmant, doch einiges irgendwie zutreffend, weil es die Faszination, die von dieser Künstlerin ausging, zu beschreiben vermochte. Heinrich Heine meinte, sie sei von einer «Hässlichkeit, die edel, ich möchte fast sagen, schön ist»; noch besser auf den Punkt brachte es der Maler Ary Scheffer, dessen «Porträt von Pauline Viardot» bis heute das bekannteste und wohl auch charakteristischste ist. Scheffer sagte über seine Freundin, sie sei «entsetzlich hässlich, aber wenn ich sie wiedersähe, würde ich mich wahnsinnig in sie verlieben».

Damit ist ein großes Wort beinahe gelassen ausgesprochen. Denn eines ist unbestritten: Mag es in einzelnen Fällen nur eine flüchtige Schwärmerei oder ein Getändel gewesen sein, die Magie, die von dieser mit zahllosen Talenten gesegneten Frau ausging, muss enorm gewesen sein. Und die Liste der Männer, die Pauline Viardot-García auf diese oder jene Art verfielen, war beträchtlich lang. Sie reichte von dem wesentlich älteren Louis Viardot (den sie heiratete, aber nicht liebte) über Alfred de Musset (der sie heiraten wollte, aber vor allem als Muse verklärte), Charles Gounod (dessen Oper «Sapho» zu nicht geringen Teilen von ihr mitkomponiert wurde), Camille Saint-Saëns und Hector Berlioz bis zu zwei Männern, die gegensätzlicher nicht sein konnten.

Eine größere Rolle im Leben von Pauline Viardot-García als bisher angenommen spielte Iwan Turgenjew. Mehr als ein halbes Leben lang verbrachte er an der Seite der Viardot, und nur in den kühnsten Träumen mag man sich vorstellen, wie schmerzhaft die Erkenntnis für ihn gewesen sein muss, dass Pauline ihn auf ihre Art und Weise liebte, aber eben nicht genug, um ihren Ehemann zu verlassen und ihre Freiheit aufzugeben.

Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 12/21