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Wenn die Musik leuchtet

Die Dirigentin Giedrė Šlekytė

Ihre Berufswünsche waren aber zunächst variabel: Sängerin, Tänzerin, Pianistin, Journalistin – das ist schon eine erkleckliche Bandbreite.
Ich glaube, ganz unbescheiden, dass ich eine gute Tänzerin geworden wäre. Aber es hat sich nicht ergeben – und zählt deswegen zu den Dingen in meinem Leben, die ich zwar nicht bereue, aber bedaure.

... was vermutlich ein wenig zu spät für eine Karriere war ...
... aber einer der schönsten Tage meines Lebens. Es war so unglaublich erfüllend. Den Weg von der Leipziger Hochschule nach Hause bin ich quasi geflogen, mit einem riesigen Lächeln im Gesicht.

Warum haben Sie es nicht versucht?
Meine Eltern waren nicht überzeugt genug, so dass ich meine erste Ballettstunde erst mit 22 genommen habe ...

Wann wussten Sie, dass Sie Dirigentin werden wollen? Es gibt doch für jede Liebe eine Initial ...
Bei mir hat es sich sehr allmählich entwickelt. Und ich glaube, das war sogar gut: Eine Liebe, die zu schnell lodert, hält meist auch nur sehr kurz an. Eine Liebe jedoch, die sich über eine Freundschaft und über längere Zeit entwickelt, geht tiefer. Und sie hält länger.

Würden Sie vom Dirigieren auch sagen, dass es eine sich stetig entwickelnde Freundschaft war, die sich in Liebe verwandelte und heute so tief ist, dass nichts die beiden Partner trennen kann?
(lacht) Absolut! Es gibt keinen Ausweg mehr!

Schlagen wir an dieser Stelle noch einmal einen Bogen zum Thema «Egoismus». Ist der nötig als Dirigent? Oder reicht die Begabung?
Ich glaube, dass zu viel Egoismus beim Dirigieren schadet. Schließlich sind wir in erster Linie Diener der Komponisten, die uns ihre Werke hinterlassen haben. Wir, und das gilt für jeden Interpreten, stehen nicht darüber! Sobald jemand das eigene Ego über das Stück stellt, sind beide verloren.

Spüren Sie, wenn dergleichen geschieht?
Ich höre es.

Wenn ein Dirigent also in der Ouvertüre zu Beethovens «Fidelio» sieben verschiedene Tempi wählt, ist dann sein Ego größer als die Oper?
Natürlich. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel. Der erste Satz von Bruckners siebter Symphonie ist eigentlich kein Adagio. Er klingt sehr schön, wenn man ihn langsam dirigiert, aber es ist gegen den Willen des Komponisten. Und das stört mich.

Die Kathedralen, die Bruckners Symphonien immer sind, stürzen ein?
Ja, genau so ist es.

Ein Dirigent, der die Bruckner’schen Kathedralen stets mit der größten Distinktion «betreten» hat, war der kürzlich verstorbene Bernard Haitink. Sie haben bei ihm einen Meisterkurs absolviert. Wie war er?
Bernard Haitink war ein sehr ehrfürchtiger Diener aller Komponisten. Und er war bei vielen großen Orchestern zugleich einer der beliebtesten Maestros, weil er sich nie in den Vordergrund gedrängt hat. Die Werke waren ihm heilig.

Was haben Sie außer der Demut vor dem Werk von ihm gelernt?
Konzentration. Ich erinnere mich an einen Moment, wo er einen Teilnehmer des Meisterkurses unterbrach und zu ihm sagte: «Sie müssen alles zeigen, was in der Musik steht.» Dann hat er sich aufs Podium gestellt und einfach eine Vier geschlagen wie der Student, aber eben anders – konzentrierter. Die Musik fing plötzlich an zu leuchten. Am Klang kann man schon erkennen, ob jemand einfach eine Vier schlägt oder, wie Haitink, beim Schlagen die ganzen Texte und Subtexte der Musik mitdirigiert. Und das war bei ihm absolut bemerkenswert. Er brauchte keine große Geste, keine großen Bewegungen, weil er alles konzentriert mitteilte. Womöglich konnte er es am ersten Tag seiner sehr, sehr langen Karriere auch noch nicht. Sowas braucht Zeit und Erfahrung.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 12/21