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Die Frau als Räuber

Michael Thalheimer inszeniert Schiller in Hamburg

Besonders elegant ist es nicht, wenn innerhalb weniger Wochen gleich zwei »Räuber»-Premieren nur ein paar Straßenzüge voneinander entfernt angesetzt sind (was allerdings auch mit Spielplanverschiebungen wegen der Lockdowns zu tun hat). Zumal Michael Thalheimer am Thalia Theater zwar näher an Schillers Vorlage bleibt als Bonn Park am Schauspielhaus, dabei aber ebenfalls die Geschlechtergrenzen durchwirbelt: Bis auf Franz Moor, gespielt von Merlin Sandmeyer, stehen ausschließlich Frauen auf der Bühne; Lisa Hagmeister gibt Räuberhauptmann Karl, Cathérine Seifert Spiegelberg, Victoria Trautmansdorff den Vater Moor. Womit die Ähnlichkeiten der beiden Inszenierungen aber schon beschrieben sind – Park überzieht Schiller mit erstickender Freundlichkeit, während bei Thalheimer zwar die Geschlechterrollen vertauscht sind, man ansonsten aber Schiller sieht, wie man ihn sich wünscht, blutig, düster, gewalttätig. Allerdings macht die Besetzung tatsächlich etwas mit der Vorlage. «Das toxisch Männliche hat mich an dem Stück schon immer gestört», beschreibt Thalheimer sein Vorgehen im Programmheft, «aber wenn das Frauen übernehmen, kann man sich mit dem Text und der Geschichte auf eine ganz neue Reise begeben.»

Das ist nicht falsch – «Die Räuber» in weiblicher Besetzung kommen weit weniger als testosterondampfende Typen daher als bei Schiller, Hagmeisters Karl ist nicht der Stürmer und Dränger der Vorlage, sondern ein Dandy der Gesetzlosigkeit, der träumerisch durch die geschilderten Grausamkeiten tänzelt.

Das heißt allerdings auch, dass die Grausamkeiten weiterhin zentrales Element des Räuberdaseins sind. Nach einiger Zeit fluten Schwaden von Blut Olaf Altmanns wuchtige abstrakte Bühne, das Ende ist kein Ergeben ins Schicksal wie bei Schiller, sondern ein Gemetzel, aus dem gerade mal Vater Moor zwar traumatisiert, aber körperlich unverletzt hervorgeht. Und zwischen den Szenen malträtieren die ohrenbetäubenden Gitarrensoli aus Janis Joplins Version von Ira Gershwins «Summertime» das Trommelfell (Musik: Bert Wrede).

Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 12/21