Theater ist Hier und Jetzt
Ein Gespräch mit Lina Beckmann und Charly Hübner
Im März, als es mit den Bühnenschließungen losging, gab es die Überlegung, das Internet als Bühne zu definieren, auf der Diskurs möglich ist.
Beckmann Gestreamtes Theater funktioniert für mich nicht. Es ist was ganz anderes, in einem Theaterraum zu sitzen, als sich eine Aufzeichnung anzugucken, das ist für mich nicht Theater. Ich würde eher andere Formen suchen – wenn man zum Beispiel nicht mehr im Theater spielen kann, dann braucht man andere Orte.
Hübner Das ist ja eigentlich Film. Amateurfilm.
Aufzeichnungen und Streams schon. Aber es gab noch andere Versuche, Zoom-Performances etwa ...
Hübner Aber rein vom Wahrnehmungsmoment her ist das auch Film. Ich sitze in einem Raum vor einem Gerät, vor einer Leinwand oder einem Bildschirm. Ob das jetzt live ist oder aufgezeichnet, ist ähnlich – ich bin nicht im selben Raum wie die Figur. Ich bin nicht verknüpft. Das ist die gleiche Debatte wie «Film im Fernsehen» gegen «Film im Kino». Schon der Kinosaal-Moment ist ein anderer, selbst ein kleines Kino mit zehn Plätzen ist was anderes als zu Hause auf dem Sofa.
Beckmann Für mich haben Zoom-Perfomances nichts mit Theater zu tun. Mit Kunst – ja, und mit Film auch. Aber Theater findet für mich im Hier und Jetzt statt – in diesem Raum, mit diesen Menschen.
Hübner Die Mystik geht flöten. Zum Beispiel, wenn bei uns eine Vorstellung läuft, und ich gehe zur Probe und höre im Vorbeigehen, wie im Saal etwas stattfindet. Dann erleben da gerade 300, 600 oder eben 1000 Leute etwas, was nur sie erleben! Und ich bin außen vor – daraus entsteht eine eigene Mystik. Und das ist das, was Theater und einen Kinoabend, einen Filmtheaterabend ausmacht. Wenn man im Kino sitzt, ist das das Gleiche: Wenn Fatih Akins «Soul Kitchen» in Hamburg läuft, dann ist das ein Event, ein emotionaler Vorgang, der viel mehr an Flächen im Hirn aufmacht, als wenn man das in München guckt. Oder alleine zu Hause vor dem Rechner. Der Mythos des Theaters ist einfach unschlagbar. Und da haut Covid ordentlich rein.
Das gesamte Interview von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 12/20