Business as usual?
Nachrichten aus dem Bolschoi Theater
Anfang September nahm das Bolschoi Theater wieder den Spielbetrieb auf. Hinter der Bühne warnte ein Schild: «Es ist verboten, die Solisten zu umarmen. Bitte machen Sie keine Fotos mit dem Ensemble.» Zuvor war Russlands größtes Opernhaus für einige Monate geschlossen gewesen, seit dem späten Frühjahr wurden alle regulären Vorstellungen abgesagt, Neuproduktionen stillschweigend in die nächste Saison verschoben. Nun aber brummte das Haus vor Aufregung: Man hatte Anna Netrebko als Zugpferd für Verdis «Don Carlo» verpflichtet, dazu den großen Bassisten Ildar Abdrazakov und Netrebkos Gatten Yusif Eyvazov. Der Medienzirkus rotierte auf Hochtouren.
Zwei Tage nach Wiederaufnahme der 2013 von Adrian Noble betreuten Inszenierung ging das Gerücht um, Abdrazakov sei positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Kurz darauf wurde Netrebko selbst ins Krankenhaus gebracht. Kaum war sie entlassen, sang sie auch schon wieder an der Scala, später auch am Mariinsky Theater in Sankt Petersburg. Unterdessen schickte das Bolschoi ein paar Mitarbeiter zum Test. Ansonsten lief alles weiter wie gehabt, Chor und Statisten agierten auf der Dezember 2020 Bühne, als sei nichts geschehen. Und mancher Star reiste gern aus dem Westen an, als Moskau mit der Aussicht auf reguläre Gagen rief: Plácido Domingo kam ebenso wie Piotr Beczała und Michael Volle.
Überhaupt bemühen sich die beiden üppig ausgestatteten Theatertanker um einen Kurs des business as usual. Das Bolschoi etwa zieht sein Programm weitgehend durch, weder bei den Besetzungen noch beim Repertoire wird mit reduzierten Optionen experimentiert, auch in Sachen Streaming hält sich das Haus bedeckt. Abgesehen von einigen Ballettabenden, die in der Regel schon in Kinos gezeigt wurden, tendiert das Screen-Angebot gegen Null. Intendant Vladimir Urin hält an dem vor Ausbruch der Covid-Pandemie annoncierten Programm fest – Oper könne eben nur live, persönlich und als Ganzes angemessen rezipiert werden.
Den gesamten Beitrag von Aya Makarova lesen Sie in Opernwelt 12/20