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Eine Art Sisyphos

Verdis «Don Carlo» am Theater Bremen

Zwei Menschen begegnen sich. Am Theater Bremen tun sie es auf nächtlich leerer Bühne. Ein einfacher Trick, um das plumpe «Ach, er ist es!» Elisabettas zu umschiffen. Die Schöne von Valois, mit lyrischer Eindringlichkeit von Sarah-Jane Brandon gesungen, sieht Don Carlo (ein Heldentenor mit leicht beengter Höhe: Luis Olivares Sandoval) in diesem Dunkel wirklich nicht, ihre Taschenlampe blendet eher, als dass sie Erleuchtung verschafft. Als sie ihren vermeintlich zukünftigen Geliebten erkennt (noch nicht im biblischen Sinne, aber mit der spürbaren Tendenz dahin), beginnt sie damit, das Korsett abzuwerfen, dass ihr die Allianzpositive der Herrschenden um den Körper gezwungen haben. Auch Don Carlo streift nun die Lederjacke ab, er braucht sie nicht mehr als Ausdruck seiner revolutionären Gesinnung. Denn nun gilt das Gesetz: «O sink hernieder, Nacht der Liebe!» (wobei: das mit dem Niedersinken funktioniert hier nur in Ansätzen, darstellerisch gibt es bei Brandon und Sandoval einige Luft nach oben). Allein, das Glück ist ein zarter Vogel, der (noch) nicht fliegen kann. Kaum hat der Chor, wie das Liebespaar durch Videos verstärkt und uns damit nahegerückt, seine Fürbitte gesungen, und ist die Botschaft durch den Grafen Lerma durchgesickert, dass die Pläne der Mächtigen den Vater statt des Sohnes als Ehemann Elisabettas bestimmt haben, hält Don Carlo diesen Vogel in Händen, und man weiß, er wird ihn zerdrücken, wie andere seine Liebe zerdrückt haben. Am Schluss des Aktes zeigt ein bedrückendes Bild einen toten Vogel auf dem Boden.

In Frank Hilbrichs intelligenter Bremer Inszenierung ist es nicht das letzte traurige Bild. Und vor allem eine Figur rückt relativ bald in den Mittelpunkt des Geschehens, obwohl sie eigentlich längst in den ewigen Jagdgründen wohnt: Karl V. Im zweiten Akt taucht er erstmals auf, als eine Art Sisyphos, der ein mit Büchern gefülltes Kugelnetz über die Bühne schleift und versucht, es die verschiedenen Ebenen der imposanten, steil aufsteigenden Bücherbühne von Katrin Connan hinaufzuwälzen. Nein, man muss sich diesen zerlumpten Mönch (sieht er nicht ein bisschen aus wie Jesus?) nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Denn er ist es nicht. Sein Ideal, die Welt mit Geist zu füllen (der reale Karl V. war nicht nur einer der mächtigsten europäischen Potentaten, sondern auch eine Art Canetti’scher Kien, allerdings ohne die grauenvolle Therese), hat sich nicht in die Realität überführen lassen. Sein Nachfolger Philipp II. (er thront, entgegen dem Original, schon im zweiten Akt auf erhöhtem Terrain in der «Bibliothek») regiert mit eiserner Faust. Alles, was nicht katholisch ist, wird der (spanischen) Inquisition zugeführt, Häresie mit den schlimmsten Foltern bestraft. Freiheit ist ein Fremdwort. Auch deswegen passt das Heine-Zitat («O Freiheit, Du bist ein böser Traum!»), das vor Beginn der Oper in Form eines riesigen Notizbucheintrags auf die Bühne projiziert wird.

Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 11/22