«Ich mochte Ballett immer als Tänzerin, aber ich tanzte hier nie auf einem professionellen Level» erzählt Oona Doherty. «Das Problem am Ballett ist: Man sieht Fehler. Entweder, man schafft die Pirouette, oder man schafft sie nicht. Das fördert kein Selbstvertrauen, nimmt es eher weg.» Bei Doherty fiel das zusammen mit ihrer Ausbildung in London, als die damals 19-Jährige in der Ballettklasse an ihre Grenzen stieß und altersgemäß weniger aufs Training aus war als auf Party. Das Ergebnis war eine große Skepsis gegenüber dem Ballett. «Der Ausgangspunkt waren meine Gefühle für das Ballett als hierarchische Form», schreibt sie im Programmzettel zu «Navy Blue», «für mich repräsentiert das Ballett den alten Weg, die Vergangenheit. Ein theatrales Symbol der Unterdrückung.» Eine Unterdrückung, der die Choreografin in Hassliebe verbunden ist.
Foto: Luca Truffarelli
Ästhetik, Anmut und Gewalt
Die Choreografin Oona Doherty und ihr Abend «Navy Blue»
Aber in Hassliebe steckt eben auch die Liebe. Doherty weiß um den Rassismus, den Sexismus, die Unterdrückungsmechanismen in der Tanzwelt: «Das Ballett (war) für mich ein trauriger Ort», heißt es im Programmzettel, «mit Tänzer*innen, die Essstörungen hatten, althergebrachten Geschlechtertropen, im Grunde keinen Tänzer*innen of Color und Ballettlehrer*innen, Regisseur*innen und Choreograf*innen als Tyrannen.» Doch sie spricht gleichzeitig mit großem Respekt über den klassischen Tanz. «Ich habe versucht, ein Ballett zu choreografieren», beschreibt sie «Navy Blue», «etwas, das ich nie zuvor gemacht habe. Die französische Kritik hat mich früher immer als Hip-Hop-Tänzerin bezeichnet!» Dieses Missverständnis dürfte jetzt ausgeräumt sein, auch wenn die Popkulturnähe immer noch da ist: Die Musik des Abends kommt außer von Rachmaninow auch vom britischen DJ James Thomas Smith, unter dem Namen Jamie xx Mitglied der einflussreichen Band The xx.
Wie Smith den sanften Piano-Wohlklang immer wieder mit harschen Beats zerhackt, so zerhackt Doherty die Schönheit des klassischen Tanzes konsequent mit brutalen Eingriffen. Und zwar im Wortsinn: Während die Tänzer*innen liebliche Figuren vollführen, knallen immer wieder Störgeräusche durch den Raum, Schüsse vielleicht, dann löst sich ein Tänzer aus der Gruppe, stürzt zu Boden und bleibt liegen. Die anderen tanzen weiter, bis die Nächste brutal aus der Harmonie gerissen wird. Nach einer Weile liegen alle da, und Pfützen blauen Lichts sammeln sich um sie, Blut wahrscheinlich. Das ist Ästhetik, Schönheit, Anmut, aber es ist auch Gewalt und Verstörung, und wie Doherty es schafft, beides nebeneinander stehen zu lassen, ist die große Qualität des Abends.
Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie in tanz 11/22