Rezensionen November 2022
Foto: Ronny Ristok
Gottfried von Einem «Dantons Tod» in Gera
Gottfried von Einem feierte mit «Dantons Tod» 1947 einen gigantischen Erfolg, wurde zum «Komponisten der Stunde Null» ausgerufen. Das genialische Jugendwerk verzeichnete Aufführungsziffern wie Beethovens «Fidelio», wobei seine Funktion als Parabel auf die Massenhysterie im Dritten Reich ebenso ausschlaggebend war wie die originelle kompositorische Qualität. Ihm gelangen, wohl unter dem Einfluss seines Lehrers Boris Blacher, der auch am Libretto mitgeschrieben hat, die denkbar intelligentesten Adaptionen von Jazzrhythmen. Die Orchestersprache ist insbesondere in den gespenstischen Marschszenenso subtil wie suggestiv, dem Chor fällt eine Führungsrolle zu, aber auch an lyrischem Arienglanz fehlt es nicht. Kay Kuntzes Inszenierung am Theater Gera findet für die mannigfaltigen, konfliktgeladenen Szenen adäquate Bilder, begnügt sich mit einer vorwiegend in Blutrot getauchten Drehbühne, vertraut den schauspielerischen Fähigkeiten der Solisten, ausnahmslos Ensemblemitglieder des Hauses. Insofern ist der großartige Alejandro Lárraga Schleske als Antiheld Danton nur Primus inter pares; es gibt unter dem singenden Personal, eine Seltenheit selbst an großen Bühnen, keinen einzigen Ausfall. Alles stimmt, wirkt schlüssig, ungekünstelt. Der schönste Regieeinfall ist der unscheinbarste: Während Danton und die anderen Verurteilten aufs Schafott steigen, sehen wir für drei Sekunden im Lichtkegel, wie sich ihr Verräter, der eitle Tugendbold Robespierre, vor einem Spiegel die Krawatte bindet. Dezente Deutungen also auch im Kleinsten, kein pädagogischer Vorschlaghammer und keine unnötige Aktualisierung. Die Besucher dürfen sich ihre eigene Meinung bilden, wohin Demagogen terror und Volksverhetzung führen – und warum sie unausrottbar sind.
Die gesamte Rezension von Volker Tarnow lesen Sie in Opernwelt 11/22