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Rezensionen November 2022

Foto: Philip Frowein

Sophokles «Ödipus Tyrann» in Zürich

Er ermordet seinen Vater, verheiratet sich mit seiner Mutter, bringt als König die Seuche übers Land. An der Schuldfrage kommt Ödipus selbst so wenig vorbei wie alle, die sich mit seinem Drama beschäftigen, namentlich in der Ausformulierung durch Sophokles. Nicolas Stemann beantwortet sie ungefähr in der Mitte seiner Zürcher Inszenierung mit aller denkbaren Deutlichkeit, bei Saallicht und direkt an einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer adressiert: «Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld» etc. Und am Ende des Abends richtet er alle Scheinwerfer voll aufgedreht auf die Publikumsaugen, um die Erfahrung einer Blendung aktuell zu machen. Es schmerzt, der Schuld ins Auge zu schauen. Darunter geht’s bei Stemann nun mal nicht. Die teutonische Überdeutlichkeit erweist umgekehrt aber auch, wie filigran der Abend im Übrigen gearbeitet ist. Stemann erzählt den Stoff in seiner eigenen Fassung – die sich etwas altväterisch-gräzistisch «Ödipus Tyrann» nennt – erzählt aus der Perspektive von Ödipus’ Töchtern Antigone und Ismene. Es gibt nur sie beide auf der Bühne. In einem hinzugefügten Prolog bringen sie die Schuldfrage aus feministischer Sicht auf und beleuchten das Rätsel der Sphinx neu, das Ödipus, so ihre These, nur vermeintlich gelöst hat. Die bekannte Antwort lautet ja «der Mensch»; der Fehler liegt darin, dass Ödipus und mit ihm die ausbeuterische westliche Zivilisation bis heute «der Mensch» als «der Mann» gelesen habe. Als Tyrann eben im modernen Verständnis, als der sich Ödipus nun auch erweisen wird in den grandiosen Szenen, in denen er seine Schuld erst von sich weist und auf andere projiziert, bevor er sie sich eingestehen muss. Auch sie liegen ganz in den Händen – und in der Sprache, der Spielfantasie – der beiden Töchter, der Schauspielerinnen Alicia Aumüller und Patrycia Ziólkowska, die sich die Rollen und Figuren virtuos zuwerfen, hochkonzentriert, höchst präzis und spannungsvoll. Mal flüstern sie im Chor, mal steigern sie sich in einen pathetischen Tragödinnen-Ton, werden dann wieder ganz konkret und direkt. Mal brausen sie tyrannisch auf, mal belächeln sie Ödipus mit feministischer Herablassung, um ihn handkehrum kindlich als «Papa» anzusprechen.

In einer hinreißenden Klimax schneiden sie Ödipus’ Blendung und den Selbstmord Iokastes, die Stemann als Figur ebenfalls stark aufwertet, gegeneinander. Ödipus auf der Bühne, Iokaste im Saal, die ihr Hochzeitskleid am Zürcher Kronleuchter aufhängt. Da entfaltet sich der gleißendste performative Reichtum in der größten Reduktion. Im kargsten Raum auch, es spielt sich alles (wiederum in Stemanns eigener Szenografie) vor dem eisernen Vorhang der Guckkastenbühne am Pfauen ab, auf zwei vorgelagerten Podesten, die schwellenlos ins Publikum führen.

Die gesamte Rezension von Andreas Klaeui lesen Sie in Theater heute 11/22