Grandiose Bilder
Marcos Moraus «Nachtträume»
Seit seinem internationalen Durchbruch mit «Siena» (2013) hat sich Marcos Morau als Spezialist für surreale, kinematografische Annäherungen an politische, ästhetische und historische Phänomene einen Namen gemacht. Der Spanier ist ein Ausgräber, ein Detektiv und Sammler, dessen hellwacher Geist auch kritische Weltlagen mit der Neugier eines Ingenieurs auseinandernimmt: Wie entsteht das komplexe Problemgeflecht, das selbstgewobene Spinnennetz, in dem wir derzeit scheinbar hilflos zappeln? Wieso ist die Stimmung so explosiv, gleichzeitig verzagt und verzweifelt? Weil, verkünden Moraus «Nachtträume», Geld und Macht und Eitelkeit, Konkurrenz und Missgunst und Profitgier, Sozialdarwinismus und Wirtschaftsprimat und und und … uns regelrecht im Würgegriff haben (eine Reminiszenz an seinen Landsmann Luis Buñuel und dessen cineastischen «Würgeengel»).
Von wegen Zivilisationsprozess: Er ist, allen äußerlichen Verfeinerungen zum Trotz, an unseren archaischen Reflexen abgeprallt und gescheitert. Morau findet grandiose Bilder für diese niederschmetternde Diagnose und kämpft sich dafür mit Herzblut durch etliche Kapitel der Tanz- und Kunstgeschichte. Wobei ihm die Tänzer und Tänzerinnen, die Ballettdirektor Christian Spuck binnen eines Jahrzehnts am Zürcher Opernhaus versammelt hat, nicht nur als Verbündete zur Seite stehen. Vielmehr sind sie (wie auch die Kritiker*innenUmfrage unseres Jahrbuchs 2022 ganz zu Recht gezeigt hat): ein glänzendes Team, das sich hier mutig auf neues, gleichsam tanztheatralisch kultiviertes Terrain begibt und dabei genauso brilliert wie auf den klassischen oder neoklassischen Feldern.
Ausgangspunkt für Moraus Expedition ist ein ikonisches Stück, ein stil- und schulbildendes Meisterwerk, das der Kriegstreiberei des 20. Jahrhunderts die Stirn bot, lang bevor die Nationalsozialisten den Weltenbrand entfachten. Natürlich genauso vergeblich wie alle andere Kunst. Trotzdem ist Kurt Jooss’ 1932 in Paris uraufgeführtes Anti-Kriegs-Dramolett «Der grüne Tisch» ein Meilenstein: Da feilschen maskierte Potentaten um Land, Waffen, Menschenleben, entscheiden nach eigenem Gutdünken über Sieg und Niederlage. Morau nimmt diese Matrix und überblendet sie zugleich mit Signaturwerken anderer Choreografen, allen voran Maurice Béjart. Der runde Tisch, die Stühle, der rote Sonnenball und die Menschenpyramide – was da nacheinander im Bühnenraum zum Vorschein kommt, zitiert Béjarts «Boléro», «Die Stühle» (nach Ionesco»), seinen «Feuervogel» und «Le Sacre du printemps». Warum Béjart? Weil der Franzose selbst die erotische Hochpotenz des «Boléro» als Machtgefüge ausgedeutet hat: oben Verführer (m/w/d), unten Verführte (m/w/d).
Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 11/22